Titanic-Chefredakteur : „Politiker verstehen Satire als PR“

Aufmerksamkeit ist alles: Derzeit titelt das Satiremagazin "Titanic" mit Hitler und dem Spruch "Alles liquidieren - So meistern wir die Krise". "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer über Schäfer-Gümbel, Schadenersatz, Blitzkarrieren und die Finanzkrise.

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Herr Fischer, Sie haben eine sagenhafte Medienkarriere hingelegt.



Finden Sie?

2007 waren Sie noch Praktikant bei der „Titanic“. In zwei Jahren sind Sie dort einer von Deutschlands jüngsten Chefredakteuren geworden, mit 27. Wie das?

Natürlich über Beziehungen. Schleimen, schleimen, schleimen. Und bei den richtigen Leuten ein nettes Wort sprechen. Tatsächlich sah es so aus, dass es fast niemand anders machen wollte. Dann trifft es eben das schwächste Glied in der Redaktion. In unserer Hierarchie steht der Chefredakteur eh’ ganz unten, verrichtet niedrigste Arbeiten.

Wollten Sie immer schon was, wie es so schön heißt, „mit Medien machen“?

Überhaupt nicht. Das war eine Serie und Verkettung glücklicher Zufälle, ohne jegliches Zutun meinerseits. Ich bin einfach die Leiter hochgefallen, nach dem Studium der Literaturwissenschaft. Ich würde den jungen Leuten da draußen auch in der Finanz- und Wirtschaftskrise raten: Setzt auf Glück, auf den Zufall.

Ihre erste Amtshandlung?

Wir haben eine Renovierung hinter uns. In unserer Redaktion in Frankfurt-Bockenheim sieht es gar nicht mehr nach Studentenbude aus, mehr nach Anwaltskanzlei. Schade eigentlich.

Kommen wir zum großen Thema derzeit: die Finanzkrise. Das Cover der Januar-Ausgabe der „Titanic“ zeigt Hitler, mit dem Spruch: „Alles liquidieren“. Untertitel: „So meistern wir die Krise“. Sie haben gut reden. Die „Titanic“ ist von der Anzeigenkrise nicht betroffen …


… halt, wir haben schon Anzeigen: die, die uns gefallen. Das macht aber keinen wesentlichen Anteil unseres Geschäfts aus. Der größte Posten war die Zigarettenwerbung hintendrauf. Die ist mit dem Verbot weggefallen. Das hat richtig wehgetan. Unser Magazin finanziert sich durch den Verkauf, zurzeit mit 63 000 verkauften Exemplaren. Davon kann man mehr schlecht als recht leben. Unser Anspruch ist aber weiterhin, das lustigste Heft der Welt zu machen.

Mehr kunstsinnig wie bei den Gründervätern der „Titanic“, wie bei Robert Gernhardt, oder zuletzt Chefredakteur Thomas Gsella, oder mehr über Aktionssatire wie bei dessen Vorgänger Martin Sonneborn?


Ich bin so gut, dass ich beides kann. Sowohl die feinsinnigen, den Weltzusammenhang als Ganzen durchbrechenden, ironisierenden Humor als auch den völlig vulgären, banalen, zotigen. Das kann ich alles. Ich will auch alles.

Mal im Ernst: Ist die „Titanic“ nicht doch ein bisschen beliebig geworden? Es muss ja nicht immer gleich ein Bestechungsversuch beim Weltfußballverband sein, wie 2000 bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 an Deutschland. Oder ein Björn Engholm, der auf dem „Titanic“-Cover neben Barschel in der Badewanne liegt.


Kontinuität und Totalrevolution müssen sich nicht ausschließen. Wir können sicher etwas schärfer werden, tabuloser. Was wir gut können, wollen wir noch besser machen. Was wir schlecht können, wollen wir noch schlechter machen.

Aber über einen Kurt Beck auf dem Titelblatt mit der Zeile „Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“ regt sich niemand mehr so richtig auf.

Immerhin gab es eine einstweilige Verfügung gegen diese Ausgabe vom Juli 2006. Das Heft ist tatsächlich ein bisschen unpolitisch geworden. In Zeiten der Großen Koalition liegt das nahe. Leider gab es in jüngster Zeit auch keinen Grund mehr zur Klage wie bei Engholm. Der bekam damals 40000 Euro Schadenersatz.

Sind die Grenzen von Satire durch spektakuläre Beiträge und Aktionen ausgelotet?

Das glaube ich nicht. Wir geben dagegen unser Bestes. Die meisten Politiker der Postmoderne verstehen Satire inzwischen aber wohl als PR. Schreiben Sie bitte: Wir laden die Menschen ein, uns zu verklagen. Warum auch immer.

Treten Sie mit der 2004 von „Titanic“-Redakteuren gegründeten „PARTEI“ bei der Bundestagswahl an, wie schon 2005?

Als Vorstandsmitglied ohne Funktion, ja. Wir werden zu allen Wahlen 2009 antreten. Bedauerlich ist, dass Thorsten Schäfer-Gümbel, unser Kandidat in Hessen, den wir im Labor künstlich erzeugt haben, wahrscheinlich doch nicht gewinnen wird. Zu entsprechenden Gelegenheiten werden wir aber noch andere Gümbel-Klone ausfahren.

Zur Frankfurter Buchmesse planten Sie einen Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb.

Das hat nicht geklappt, weil die Stadt unseren Veranstaltungstermin aus heiterem Himmel abgesagt hat. Verblüffenderweise gab es keine Morddrohungen. Das nächste Gastland der Buchmesse ist China. Wir fassen einen Mao-Tse-tung-Wettbewerb ins Auge.

Das mit den Events klingt ja alles ganz witzig. Aber warum soll ich mir überhaupt noch eine „Titanic“ kaufen? Im Fernsehen wimmelt es von Comedians, mit Humor der Marke amoklaufende Gartenzwerge oder Pornoproduzenten auf Castingtour.


Ist das so? Ich sehe praktisch überhaupt kein fern. Das machen meine Mitarbeiter. Und was unser Heft betrifft: „Titanic“ ist die einzig unabhängige Nachrichtenquelle in Deutschland, die einzig lustige Nachrichtenquelle.

Wenn es damit auch bergab geht: Wie lange wollen Sie den Chefredakteurs-Job mit niedrigsten Arbeiten machen?

Nur noch wenige Wochen, bis ich mich ordentlich bereichert habe. Ich nehme jederzeit Angebote aus Industrie und Wirtschaft an. Ich kann sehr gut schreiben, PR-Texte verfassen.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg

Die „Titanic“ wurde 1979 von Ex-Mitarbeitern der Satirezeitschrift „pardon“ gegründet: darunter Robert Gernhardt und F.K. Waechter. Das Frankfurter Magazin wurde auch dafür bekannt, die inhaltlichen und rechtlichen Grenzen von Satire durch spektakuläre Aktionen auszuloten. 1988 erlangte es große Aufmerksamkeit, als Chefredakteur Fritz mit einer gefakten Buntstiftwette bei „Wetten, dass ...?“ eingeschleust wurde. Die von „Titanic“-Redakteuren gegründete „PARTEI“ nimmt an Wahlen teil. Autor ist u.a. Max Goldt.

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