Medien : Tod einer Legende

ARD-Autor Wilfried Huismann revidiert das linke Chile-Bild

Thomas Gehringer

Ein Mann mit Brille, einem Stahlhelm auf dem Kopf und einem Gewehr in der Hand: Salvador Allende steht, umgeben von einigen Genossen, vor einer Tür des Präsidentenpalasts in Santiago. Es ist das letzte Foto vor seinem Tod. Kurze Zeit später wird der Sozialist Allende, 1970 bei freien Wahlen an die Macht gekommen, am 11. September 1973 während des lange vorbereiteten Putsches der Generäle um Augusto Pinochet und des amerikanischen Geheimdienstes CIA ermordet. So glauben es jedenfalls bis heute viele. Nach Ansicht von Wilfried Huismann enthält dieser Satz gleich drei Fehler. Der 52-jährige Bremer zählt zu den renommiertesten TV-Journalisten und Dokumentarfilmern („Lieber Fidel“) in Deutschland. Seine Recherchen für den Film „Verrat in Santiago – Wer erschoss Salvador Allende?“ haben ergeben: Die CIA war am Putsch nicht beteiligt. Oberbefehlshaber Pinochet galt den Putschisten als „zweifelhaft“ und schloss sich erst zwei Tage vor dem 11. September den Verschwörern an. Und: Allende erschoss sich selbst.

Schmerzhafte Erkenntnisse wären das für manche; denn die Ereignisse in Chile sind ein wichtiger Teil des linken Geschichtsbildes. Die Rollen für Gut und Böse sind darin klar verteilt: Die USA stürzen mit Hilfe faschistischer Generäle den Präsidenten des Volkes, der in aller Welt die Hoffnung auf einen friedlichen und demokratischen Weg zum Sozialismus verkörpert. „Es gab eine politische Entwicklung, die wie in einer Tragödie zum Putsch führte, und für diese Entwicklung sind die Linksparteien in einem hohen Maße mitverantwortlich“, sagt dagegen Wilfried Huismann, der den Putsch 1973 „in erster Linie für ein nationales Drama“ hält. Radikalisierung und Korruption seien die Hauptursachen für den wirtschaftlichen Niedergang nach 1970 gewesen. Nicht die CIA, sondern Christdemokraten und katholische Kirche haben nach Aussage des damaligen US-Botschafters Edward Korry die Generäle zum Putsch aufgefordert. Die Nixon-Regierung, so Huismann, hätte zwar Allendes Machtantritt verhindern wollen, doch später verlor sie das Interesse an Chile, auch weil die Sowjetunion den demokratisch gesinnten Allende nicht stützen mochte. Als CIA-Agenten 1973 von den Putschplänen erfuhren, seien sie aus Washington angewiesen worden, sich nicht einzumischen. Frei gegebene Geheimdienst-Akten würden dies belegen.

„Jeder muss vor seiner eigenen Tür kehren. Die Linke muss die Augen für die eigenen Fehler öffnen.“ Wilfried Huismann macht beim Interview einen entspannten Eindruck. Dabei hat sein Film in zwei Stunden im ausverkauften Bremer Programmkino „Schauburg“ Premiere. „Heute macht mich die Linke zur Schnecke“, sagt der Alt-Linke Huismann lachend. Später auf der Bühne wandert er ein wenig nervös auf und ab, aber ganz so schlimm wird es doch nicht. Einige Kritiker melden sich, wobei die meisten zu ärgern scheint, dass US-Botschafter Korry im Film zu Wort kommt.

„Ich habe eine intensive Liebesbeziehung zu Chile“, sagt Huismann. Als 22-jähriger Student ist er 1973 Mitbegründer des Solidaritätskomitees in Hannover. Huismann wird Lehrer, will aber Chile endlich kennen lernen und arbeitet 1981 ein halbes Jahr lang im Rahmen eines katholischen Projekts in einem Armenviertel von Santiago. Er schreibt ein Buch und entschließt sich zum Berufswechsel. 1986 landet der Journalist Huismann seinen ersten Coup. „Der Fischwurm war der Start meiner Fernseh-Laufbahn, deswegen bin ich dem auf ewig dankbar“, witzelt er. Sein erster „Monitor“-Beitrag über verdorbene Fische im Lebensmittelhandel beschert der Branche gewaltige Verluste.

Doch seine zweite „Monitor“-Arbeit beschäftigt sich schon wieder mit Chile. Huismann bleibt seinem Thema treu, reist immer wieder in das südamerikanische Land, muss erleben, wie Freunde „bestialisch ermordet“ werden. Mit den USA geht er nicht zimperlich um: In „Der Fall Kissinger“ (2001) enthüllt er die Verstrickung der Supermacht in die Entführung und Ermordung des Generals Schneider, des Oberkommandierenden der chilenischen Streitkräfte, im Jahr 1970. Wenn so einer das gängige Geschichtsbild revidiert, wiegt es besonders schwer.

In der Bremer „Schauburg“ plädiert er dafür, nicht zugunsten lieb gewonnener Legenden auf die nüchterne Analyse zu verzichten. Das Publikum, darunter einigeExil-Chilenen, spendet kräftigen Applaus.

„Verrat in Santiago – Wer erschoss Salvador Allende?“: ARD, 21 Uhr 45

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