Medien : Tod eines Kritikers

Das Dokudrama um den Selbstmord des britischen Biowaffenexperten David Kelly gerät zum Propagandafilm

Caroline Fetscher

Dreimal klopfte Peter Kosminsky an die Tür der Familie Kelly, um sie zur Mitarbeit an seinem Dokudrama über David Kelly zu bewegen. Dreimal sagten Kellys Witwe und ihre drei Töchter nein. Mit der Vermarktung des Suizids von David Kelly wollten sie nichts zu tun haben. „Da habe ich aufgegeben“, erklärt der Regisseur, „alles weitere wäre Belästigung geworden.“

David Kelly, UN-Waffenexperte, Mikrobiologe und Berater der Regierung Blair, ging als tragischer Held in die Geschichte ein. Er soll der BBC, gewissermaßen als Deep Throat und Insider, gesteckt haben, dass das offizielle Dossier der britischen Regierung zu den Massenvernichtungswaffen des Regimes von Saddam Hussein bewusst aufgebauscht wurde. Erst die Nachricht, dann die Enttarnung der Quelle führten im Sommer 2003 zu einem Skandal. Als Kelly sich zerrieben sah zwischen den Medien, der Regierung und einer Untersuchungskommission unter Lord-Richter Hutton, nahm er sich in einem Waldstück nahe seinem Haus auf dem Land das Leben.

Für den Regisseur Kosminsky, den seine kontroversen Dokudramen, etwa über Blauhelme in Bosnien oder Labour-Aktivisten in Westminster, bekannt machten, enthält der Kelly-Stoff jede Menge allzu Verlockendes, auch wenn die Kelly-Familie nicht mitmacht. Hier geht es um Intrigen und Krieg, um Lügen, Geheimdienste, skrupellose Kabinettsmitglieder, skrupellose Reporter – und auf der anderen Seite um einen feinen, der Forschung wie dem Frieden verpflichteten Mann. Also drehte Kosminsky sein Drama, inklusive rührender Familienereignisse der Film-Kellys und einer ausgedehnten Suizidszene. Der Film wurde in Großbritannien am 17. März auf Channel 4, einem Kanal der BBC, gesendet, die damit sozusagen Selbstkritik übt.

Denn bei den öffentlichen Anhörungen 2003 bekam die BBC einen Großteil der Schuld an der Tragödie um David Kelly zugesprochen, weil sie fahrlässig mit dieser Quelle umgegangen ist. BBC-Verwaltungsratsdirektor Greg Dyke und BBC-Generaldirektor Gavyn Davies mussten gehen. Genauso der 1968 geborene Reporter Andrew Gilligan, der heute für den Londoner „Evening Standard“ schreibt. Über Kosminskys Doku-Drama erregte sich Gilligan öffentlich. Insbesondere die Passage, die ihn beim nachträglichen Fälschen der Notizen zu seinem Gespräch mit David Kelly am Computer zeigt, sei „nachweislich und auf absurde Weise falsch“. Sein Ex-Boss Greg Dyke hält in dieser Sache zu ihm. Filmautor Kosminsky erklärte jedoch, alles sei genauestens recherchiert.

Genau recherchiert, womöglich. Die semifiktionale Umsetzung bleibt jedoch äußerst problematisch, dem Doku-Drama fehlt die authentische Atmosphäre, es wirkt, so eigenartig das klingen mag, „gefälscht“, fast wie ein Propagandafilm. Wofür? Für die in Kelly personifizierte Wahrheit und für die Irakkriegsgegner. So legt Kosminsky mit Pathos los. Während der bärtige, rosenwangige Kelly (Mark Rylance), der an das Klischee eines gutmeinenden Missionars erinnert, unter den Klängen einer klagenden, orientalisch anmutenden Frauenstimme im Grünen umherwandert, braut sich andernorts Schreckliches zusammen. Ein Räderwerk von Manipulation, Irreführung und Verschwörung setzt sich in Gang, geschlossene Herrengruppen beratschlagen in der Downingstreet ihren nächsten gemeinsamen Schachzug, werten tückisch Umfragen aus, passen Verlautbarungen der jeweiligen Stimmung an. Regierungsberater Kelly, am Rand des Geschehens, ahnt von alledem kaum etwas.

Rückblenden lassen uns Kelly in der Hitze des Irak als minutiösen UN-Inspektor sehen, wie er unbestechlich seiner Arbeit nachgeht. In Bagdad begegnen ihm frühere arabische Studenten wieder, die nun mit ihrem in England erworbenen Wissen Schindluder treiben. Aber Kasim, sein Vertrauter unter ihnen, versichert ihm Jahre darauf und gleich in mehreren Szenen: „Glauben Sie mir, Saddam hat keine Waffen mehr. Ihr wart zu gut.“ Kelly traut den Irakern nicht, zu oft wurde er hinters Licht geführt. Gleichwohl offenbart er im Hintergrundgespräch mit dem BBC-Reporter Gilligan seine Zweifel an dem Regierungsdossier. Unausgeschlafen, bei einem morgendlichen Radiokommentar per Telefon, packt Gilligan die Cause öffentlich aus. Die Blair-Behauptung, wonach Iraks Massenvernichtungswaffen innerhalb von 45 Minuten einsatzbereit seien, halte ein Insider und Experte für „sexed up“, formuliert er flapsig. Bei den Regierenden herrscht Nervosität. Wütend fragen sie sich: Wer war die Quelle der BBC? Es kommt nur Kelly in Frage, der einer Vertrauten in einer Szene gesteht, er sei zur Bahai-Religion übergetreten und daher der Wahrheit verpflichtet... Im Konflikt zwischen Regierung und BBC wird er, als Sündenbock, in den Freitod getrieben. Orientalische Klagemusik. Die Zahl der Toten des Irakkriegs flimmert über den Bildschirm. Kosminsky ergreift, denkt man sich, die Hand von Michael Moore. Und David Kelly wurde hier, so scheint es, noch einmal mehr dem Ansinnen anderer geopfert.

„David Kelly – der Waffeninspekteur“: Arte, 20 Uhr 40

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