Medien : Tod eines Neonazis

Rechte, Verfassungsschutz: Der „Tatort“ streift viele relevante Themen und vergisst dabei seine Handlung

Hannah Pilarczyk

„Sie haben es auch nicht leicht“, sagt Verfassungsschützerin Rita Faulhaber (Lisa Martinek) zu Staatsanwältin Mitterer (Simone von Zglinicki). Sie meint damit die Zusammenarbeit der Staatsanwältin mit den Kommissaren Kain und Ehrlicher, aber eigentlich hat es in diesem 35. „Tatort“ aus Leipzig keiner der Beteiligten leicht: die Neonazi-Bande nicht, die sowohl den Mord an einem ihrer Mitglieder sühnen will als auch auf der Suche nach einem Verräter aus den eigenen Reihen ist; der fanatische Künstler nicht, der sowohl gegen die Nazis als auch gegen die Polizei ist, aber von beiden als Hauptverdächtiger im Mordfall gesucht wird; die Kommissare nicht, denen bei ihren Ermittlungen sowohl die Rechten als auch der Verfassungsschutz in die Quere kommen. Und zuletzt auch die Zuschauer nicht, die in diesem Durcheinander den Überblick behalten sollen.

Es passiert am Rande einer Neonazi-Kundgebung. Während seine Kameraden die Leipziger Innenstadt aufmischen, schleicht sich der Rechtsextreme Linhard Banzaff ins Völkerschlachtdenkmal ein. Wenige Minuten später stürzt er in den Tod. Untersuchungen der Kripo ergeben: Es war Mord. Hauptverdächtiger: der Künstler Stefan Mayer (Thomas Schmauser), der nur wenige Meter vom Tatort entfernt bewusstlos aufgefunden wird. In der Wohnung des Toten finden die Kommissare Kain (Bernd Michael Lade) und Ehrlicher (Peter Sodann) Beweise dafür, dass Opfer und möglicher Täter sich kannten. Banzaff und Mayer engagierten sich bis zum Mauerfall gemeinsam in der Bürgerrechtsbewegung, bevor es sie in die politisch entgegengesetzten Extreme verschlug. Während der Suche nach ihrem Hauptverdächtigen kommen den Kommissaren aber schnell Zweifel, ob sie auch wirklich die richtige Person jagen. Denn was hatte der Verfassungsschutz sowohl am Tatort als auch in der Wohnung des Toten zu suchen? Und welche Interessen verfolgt Neonazi-Rädelsführer Nico Röckmann wirklich bei seiner Hetzjagd auf den vermeintlichen Mörder Mayer?

Viele Handlungsstränge vom Erbe der Bürgerrechtsbewegung bis hin zu Verschwörungstheorien in Sachen Verfassungsschutz und Rechtsextreme weben die Autoren Fred Breinersdorfer und Hans-Werner Honert (auch Regie) in diesem „Tatort“ ineinander. Einige Stränge verschlingen sich gekonnt, zum Schluss bleibt jedoch eine Reihe loser Enden. Das stört aber nicht allzu sehr, da durch die Unübersichtlichkeit der persönlichen Verstrickungen auch die Auflösung des Falles bis in die letzten fünf Minuten hinausgezögert werden kann. Außerdem bringen die Kommissare Kain und Ehrlicher Ruhe ins Spiel. Mit ihrer pragmatischen Mischung aus Sturheit, Mutterwitz und Bauernschläue lassen sie sowohl Verfassungsschutz als auch Neonazis auflaufen. Lade und Sodann spielen das Kommissarenteam routiniert, doch stets präzise und mit großartigem, trockenen Humor. Unterstützt werden sie von einem guten Ensemble an Schauspielern, aus dem vor allem Matthias Freihof (endlich mal in einer anderen Rolle als nur Assistent von ZDF-Kommissar „Siska“) sowie Thomas Schmauser und Marie-Lou Sellem als zerrüttetes Ehepaar Mayer-Lischinski hervorstechen. Schade nur, dass Buch und Regie nicht der Sorgfalt ihrer schauspielerischen Darbietung entsprechen.

„Tatort: Teufelskreis“: 20 Uhr 15, ARD

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