Medien : Tod im Taxi

„Die Sitte“ – neue RTL-Serie über Sexualstraftaten

Thomas Gehringer

Die 15-jährige Fatima liegt leblos auf der Erde. In einer Rückblende sehen wir sie in ein Taxi steigen. Sie überreicht dem Fahrer einen Slip und erhält dafür Geld. Der Fahrer verspricht weitere 50 Euro, wenn Fatima den eigenen Slip auch noch hergibt. Fatima zögert, stimmt aber doch zu, als der Fahrer sich umdreht und wegschaut. Er gibt ihr 100 Euro und fordert mehr. Fatima wehrt sich mit einem Elektroschocker. Was geschah danach? Warum starb das Mädchen? Erstmals beschäftigt sich eine Krimi-Serie – hier in der ersten Folge „Flüstertöne“ – ausschließlich mit Straftaten, die einen sexuellen Hintergrund haben. RTL zeigt von heute an jeweils donnerstags, ab 21 Uhr 15, acht Folgen von „Die Sitte“.

Knapp 53 000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zählte das Bundeskriminalamt im Jahr 2001. Zumeist sind es vermeintlich liebevolle Freunde oder Verwandte, die gewaltsam eine Grenze überschreiten. „Wir erzählen sehr genau, wo die Grenze ist“, sagt „Sitte“-Produzent Thomas Eckelkamp. „Und wir vermitteln das so, dass der Zuschauer bei sich selbst überprüfen kann, wo das Unrecht beginnt.“ Wichtig sei, dass die Ermittler glaubwürdig seien, „ansonsten wäre das Thema der Unterhaltung ausgeliefert“. Thomas Eckelkamp von der Kölner Firma „Filmpool“ war auch für den ARD-Film „Schande“ verantwortlich, der ungewöhnlich realistisch die Folgen von Kindesmissbrauch schilderte und 1999 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde. Auch diesmal will er „nicht die großen Fälle ausschlachten, sondern die kleinen Geschichten hinter der Fassade erzählen“.

Der Eindruck nach der ersten Folge bleibt zwiespältig. Auf Action-, Gewalt- oder Sexszenen wird zwar verzichtet. Auch lassen die Polizei-Ermittler Koch (Iris Böhm) und Winkler (Dirk Heinrichs), denen das Publikum bei der Auflösung der Fälle folgt, eindeutige Haltungen nicht vermissen. „Kinder muss man nicht anrühren, um ihre Seelen zu zerstören“, entgegnet Kommissarin Koch auf die Rechtfertigung eines erwachsenen Mittäters. Auch Regie und Kamera bemühen sich um klare Orientierung: Im Verhörraum wird es düster, und die Kamera rückt ganz nahe an die Gesichter der Verdächtigen heran. Das Dezernat selbst ist hell, es ist der „Ort der Ruhe, der Gerechtigkeit“, sagt Eckelkamp. Bei der Ermittlung vor Ort kommt die unruhigere Handkamera zum Einsatz, und die zuweilen aufdringliche Musik soll die Spannung erhöhen.

Vor allem aber wird ein bisschen viel hineingepackt in die erste Folge: Fetischwäsche, Telefonsex, dazu die kulturellen Probleme in einer deutsch-türkischen Familie. Das geht dann doch auf Kosten einer etwas genaueren Zeichnung der Figuren hinter den Fassaden.

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