Todesnachricht auf Pro7 : Fernsehen ohne Schmerzgrenze

Popstars-Kandidatin Victoria (16) erfährt während der Casting-Show, dass ihre Mutter plötzlich gestorben ist. Der Fall sorgt für neue Diskussionen über das Thema Ethik im Fernsehen.

Popstars
Jury-Mitglied Detlef Soost überbringt die traurige Nachricht. -Foto: Pro7

Die traurige Musik kündigt ein Drama an. Beim Popstars-Workshop in Ägypten sitzten die Kandidatinnen in lockerer Runde zusammen, als plötzlich Jurymitglied Detlef Soost den Raum betritt. Er geht auf Kandidatin Victoria zu und sagt ihr mit ernster Stimme: "Victoria, da ist ein Anruf für dich". Der sonst so strenge Coach blickt sie traurig an und fasst mit beiden Händen ihre Schultern. Das Mädchen reagiert verwirrt, blickt geschockt in Detlefs Gesicht. Sie scheint zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Als Victoria weg ist, erzählt Detlef den anderen Mädchen, welche Nachricht Victoria am Telefon erwartet: Die Mutter des Mädchens ist gestorben - urplötzlich an einem Herzinfarkt. Die anderen Kandidatinnen sind fassungslos, brechen in Tränen aus. Die Szene war zu sehen in der Sendung Popstars am Donnerstagabend auf Pro7. Schon vor der Ausstrahlung hatte ausgerechnet die "Bild"-Zeitung gefragt "Wie weit darf Fernsehen gehen?". Unter der Überschrift "Victoria (16) erfährt bei 'Popstars' vom Tod ihrer Mutter" berichtete das Blatt über die fragliche Szene.

Pofalla: Kein Verantwortungsgefühl

Auch CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hatte offensichtlich "Bild" gelesen und forderte den Sender im Vorfeld auf, "die entsprechenden Stellen nicht auszustrahlen und das Mädchen zu schützen - auch vor sich selbst". Der Sender lasse jedes Verantwortungsgefühl vermissen und werde seiner Fürsorgepflicht nicht gerecht, schimpfte der 49-Jährige Politiker. Im selben Atemzug unterstützte er Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der mit seiner Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises eine Debatte über TV-Qualität angestoßen hatte. "Die Verwahrlosung in manchen TV-Sendungen macht mich fassunglos!"

Pro7 verteidigte die Ausstrahlung der Sendung: "In diesem Falle ist nur eine Meinung wichtig: Victoria ist sehr zufrieden damit, wie ihre ganz persönliche Geschichte erzählt wird", sagte Sprecherin Tina Land der "Bild". Im Gespräch mit zoomer.de erklärte Pro7-Sprecher Christoph Körfer: "Dem Mädchen geht es den Umständen entsprechend sehr gut." Er fügte hinzu: "Als Victoria am Telefon vom Tod ihrer Mutter erfahren hat, war die Kamera gar nicht dabei." Dennoch: Bei Detelf und den übrigen Mädchen bleibt die Kamera lange Zeit an, alle weinen, auch der Popstarscoach. Interviews von den Kandidatinnen werden eingeblendet, jede darf erzählen, wie sie den Moment erlebt hat. Und dann berichtet Detlef noch mit zitternder Stimme, dass er mit Victoria nach Deutschland fliegen wird, bevor er endlich sagt "Und jetzt wird die Kamera mal ausgeschaltet".

Ein Mädchen trauert - Millionen schauen zu

Victorias persönliches Schicksal wird für den weiteren Verlauf der Sendung in den Mittelpunkt gestellt, auch wenn sie selbst nicht mehr anwesend ist - und Millionen schauen zu. Schwer zu glauben, dass Pro7 bei der Frage, ob der Todesfall thematisiert werden soll oder nicht, nicht auch die Quote im Blick hatte, der so viel Tragik bestimmt nicht schadet.

Es ist nicht das erste Mal, dass Pro7 einen Todesfall in der Familie einer Popstars-Kandidatin auf diese Weise ins Rampenlicht stellt. In der fünften Staffel der Serie, die 2006 lief, erfuhr die damals 18-jährige Vanessa, dass ihr Vater gestorben war. Vanessa entschied, dass sie in der Show bleiben wollte, ihre Trauer und ihr Schmerz wurden gnadenlos mit der Kamera festgehalten und dramaturgisch ausgewalzt. Anstatt sie nach Hause zu schicken, wo sie hingehört hätte, überließen der Sender und die Jury der Kandidatin die Entscheidung zwischen Popstar-Karriere und trauernder Familie. Einige Folgen später votete die Jury sie mit dem Argument raus, ihr fehle die "die Leichtigkeit des Seins" auf der Bühne. Damals beschwerte sich übrigens kein Politiker.

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