Medien : Toll, der Oskar

Michael Geffken

Hier findet man es noch, das alte West-Berlin. Im „Wiener Caffeehaus“ am Roseneck sitzen sie, die Damen mit dem Chihuahua auf dem Schoß und den vielen Ringen an den Fingern, die Herren mit den etwas zu bunten Hemden und den etwas zu jungen Begleiterinnen. Das Letzte, was man an diesem Ort erwarten würde, ist eine Diskussion über die Linkspartei.

Der Wahlkampf hatte sich in dieser Woche ja in den Sommerurlaub verabschiedet. Der größte Aufreger war die Meldung, dass der Bayerische Rundfunk auf seiner Website die Schweißflecken auf Angela Merkels Kostüm beim Besuch der Bayreuther Festspiele wegretuschiert hatte. Ansonsten wurden die Nachrichten dominiert von den Londoner Bombenlegern und den Stuttgarter Chaostagen.

Doch für die drei offensichtlichen Besserverdiener – vielleicht auch Besserrentner – in Hörweite meines Tisches sind London und Stuttgart weit weg; sie weilen mit ihren Gedanken im kleinen Örtchen Oberlimbach bei Saarlouis. Oberlimbach? Richtig, dort steht der „Palast der sozialen Gerechtigkeit“, Oskar Lafontaines nicht eben unbescheidenes Eigenheim.

Der Älteste der Gruppe zeigt eine Zeitschrift mit dem Foto der Villa herum. Der Diskussion ist zu entnehmen, dass die drei am Nebentisch Prunk und Protz des SPD-Renegaten nicht verurteilen – das Haus könnte ja auch in Zehlendorf stehen. In ihren Worten ist eher eine gewisse Hochachtung für den Wirbel zu erkennen, den die neue Linkspartei in den vergangenen Wochen verursacht hat. „Jetzt haben die ja sogar einen Verfassungsrichter als Kandidaten“, meint der eine. Wolfgang Neskovic ist zwar nur Bundesrichter, aber man erkennt: Die Wahltaktik der Linkspartei ist bisher aufgegangen.

Hier ein überraschender Kandidat – er muss ja nicht unbedingt bei der Stange bleiben –, da ein paar Querelen um die Listenplätze; hier einige gezielte Provokationen mit üblem Beigeschmack, dort einige Marketing-Gags ohne tiefere Bedeutung. Diese Taktik lenkt, so das Kalkül, ab vom Blick auf das Parteiprogramm. Der Stand der Prognosen: so um die elf Prozent.

Vor drei Jahren hatten wir eine Partei, die ähnlich agierte: Da gab es einen ehemaligen Porno-Darsteller als Kandidaten, Dolly Buster war Wahlhelferin, der Ober-Provokateur schreckte nicht vor antisemitischen Parolen zurück, und der Parteivorsitzende kasperte herum. Die FDP schaffte es dann knapp in den Bundestag.

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