Medien : Torhunger im Internet

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DAS SPIEL IST AUS!

Gestern mit meiner Schwester telefoniert. Sie ist ein wenig fußballverrückt und arbeitet in einem Stuttgarter Verlag. Allerdings noch nicht lange. Mit Krankmeldungen während der Fußball-WM ist man da besser vorsichtig. Wie sie denn Deutschland gegen Kamerun gesehen hätte? Och, mittags hätte sie sich ausgestempelt und bei Kollegen daheim das Spiel im Fernsehen verfolgt.

Respekt! Zwei Stunden Mittagspause. Glückliches Baden-Württemberg! Nicht nur 50 Jahre alt geworden, nicht nur die meisten Feiertage in Deutschland, nein, auch noch so verständnisvolle Arbeitgeber! Vielleicht wäre es aber doch effektiver, Fernseh-Geräte ins Büro zu stellen. Dann müsste meine Schwester nicht in die Wohnung von wildfremden Kollegen, könnte länger arbeiten und im Internet gucken, was sie WM-mäßig verpasst.

Zum Beispiel bewegte Fußballbilder, zum Beispiel auf fifaworldcup.com. 22 Euro 50 kostet der Spaß. Die Ausgabe will wohl überlegt sein, nicht nur weil sie an Fifa-Chef Sepp Blatter geht. Für beinahe das gleiche Geld bekommt man ein Premiere-Abo. Und was gibt es dafür online? Wenn die visitenkartengroßen Videos vom PC-Schirm demnächst aufs Handy-Display wandern, braucht nicht nur meine Schwester eine neue Brille.

Toll dagegen die Live-Ticker-Texte bei sport1.de oder bundesliga.de. Die Entscheidung in der Todesgruppe wurde erst im Internet so richtig tödlich. Während Herr Faßbender das 0:0-Gekicke der Engländer vor sich hin kommentierte („der Torhunger des kleinen Mannes ist groß“), implodierte das Netz, weil es bei Argentinien gegen Schweden richtig abging: per Stenogramm und Tor-Fotos. Der Fifa-Service wird täglich rund 30 Millionen Mal angeklickt. Da lohnt sich ’ne Standleitung. Aber nicht für meine Schwester.

Wenn Deutschland am Sonnabend wieder spielt, tut sie sich daheim wieder Fernseh-Faßbender an. Und zwar ohne Arbeitskollegen. Markus Ehrenberg

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