Medien : Tote im Kopf

Reporter kehren aus Kriegen häufig mit einem Trauma zurück – die BBC behandelt sie

Caroline Fetscher

Als Tom Heneghan für die Nachrichtenagentur Reuters aus dem Kosovo berichtete, war er ein Vollprofi. Er war als Reporter bereits in Afghanistan, Kambodscha, Pakistan, Sri Lanka. „Fünfmal am Tag schrieb ich meine Berichte, immer cool, objektiv. Ob Dörfer brannten oder Tote auf der Straße lagen. Ich habe funktioniert.“

Bis er eines Tages im Juli 1999 im Kosovo in ein abgebranntes Haus kam, wo eine ganze Familie ermordet lag. Ein Verwandter stand auf der Schwelle, bewachte das Gebäude, bis jemand vom Haager Tribunal käme, um die Toten zu registrieren. Der erzählte dem Reporter von der albanischen Familie, die auf dieses Haus ihr Leben lang gespart hatte. Jahrzehntelang betrieb sie ein Restaurant in Deutschland, dann verkaufte sie es, um ihr eigenes Haus zu bauen. Sofort erkannte Heneghan den idealen Anfang für seinen Bericht: „Es sollte ihr Traumhaus werden. Aber es wurde ihr Grab.“ Aber als er diesen Satz in seinen Computer eingegeben hatte, versagten seine Nerven. „Ich musste plötzlich weinen und konnte kaum aufhören“, sagt er. „Zurück in Paris, wo meine Basis ist, konnte ich zwei Wochen lang kaum schlafen oder arbeiten. Ich bekam eine Zeitlang frei.“ Bei Tom Heneghan löste das Ereignis zunächst Scham, Schuldgefühle, Selbstzweifel aus.

Marc Brayne, Initiator des „Trauma-Project“ bei der BBC, hält solche Zusammenbrüche im Job für „völlig normal“. Brayne, der mit seiner Kollegin und Ehefrau Sue am BBC-Trauma-Project arbeitet, war selber lange Jahre Reporter und berichtete für die BBC unter anderem über das Blutbad der chinesischen Armee auf dem Platz des Himmlischen Friedens. In Berlin stellte er sein Projekt auf der „8. Europäischen Konferenz zu Traumatischem Stress“ im Haus am Köllnischen Park vor – zu der Konferenz, organisiert unter anderem von dem Berliner Psychologie-Professor Norbert Gurris, waren über 800 Trauma-Experten aus allen Kontinenten angereist. „In jeder Berufssparte“, erklärte Brayne einem vollen Saal, „die Traumata und Risiken ausgesetzt ist – Polizei, Armee, Feuerwehr, Notärzte – , hat man inzwischen anerkannt, dass es Post Traumatic Stress Disorder, PTSD, geben kann. Die Mitarbeiter werden inzwischen überall entsprechend geschult. Nur Journalisten erhalten solches Training nicht – dabei erleben sie, ob als Berichterstatter über Autounfälle oder in Kriegsregionen, enorm viel Belastendes. Sie schütten das lieber mit Alkohol zu oder kapseln den Schmerz ein. Davon sind am Ende ihre Familie und ihr Freundeskreis mit betroffen – und irgendwann auch ihre Arbeit.“

Beim BBC-Chefredakteur stieß Brayne mit seinem Projekt jedoch auf offene Ohren. Erstmals wurden jetzt, vor dem Golfkrieg, 230 Reporter, Kameraleute und Redakteure in 90-minütigen Workshops zum Thema „Emotions, Trauma and Good Journalism“ geschult und bekamen auch ein Faltblatt mit auf die Reise in den Krieg, das ihnen Anzeichen für und den Umgang mit PTSD erläutert. Schlichte, pragmatische Regeln, die helfen sollen, Symptome wie Schlaflosigkeit, Rücken- und Nackenschmerzen, Flashbacks und Albträume einzuordnen und adäquat zu reagieren. „Sprechen Sie mit denen, die Anzeichen für Trauma zeigen. Hören Sie aufmerksam zu. Machen Sie keine Vorwürfe. Beschwichtigen Sie nicht.“

Am wichtigsten ist Brayne, der eine Weiterbildung als Therapeut gemacht hat, dass Reporter ihre Scham angesichts der natürlichen Reaktionen auf traumatische Ereignisse verlieren. „Sie reagieren normal“, sagt er. Auch Kameraleute seien häufig von PTSD betroffen, ja sogar Kollegen, die zu Hause in der Redaktion Fotos von Kriegen auswählen. Auf Grund der Schulung, glaubt Brayne, habe es in diesem Golfkrieg wenig Anrufe beim BBC-Krisentelefon für Mitarbeiter gegeben. Die meisten kamen „im Feld“ einigermaßen klar.

Für Braynes Projekt interessieren sich inzwischen auch CNN und amerikanische Nachrichtenagenturen, die ihren Mitarbeitern offenbar in Zukunft ähnliche Angebote machen wollen. In Deutschland allerdings sei das Interesse gering, sagt der BBC-Mann, was auch daran liegen mag, dass das Bewusstsein für die Problematik noch nicht weit entwickelt ist.

Elana Newman, Psychologin an der Universität von Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma, befasst sich ebenfalls seit Jahren mit den Auswirkungen von Traumata auf Reporter. Der resoluten Forscherin ging es auf der Konferenz in Berlin unter anderem darum, den anwesenden Trauma-Experten einen klugen Umgang mit Journalisten nahe zu legen. Viele Tabuthemen, wie Vergewaltigung, Folter, Kindesmissbrauch, seien überhaupt erst durch Journalisten, etwa Gerichtsreporter, bekannt gemacht worden: „Journalisten verändern die öffentliche Wahrnehmung und den allgemeinen Sprachgebrauch. Sie klären auf.“ Doch in der Zunft der Therapeuten herrscht oft Skepsis gegenüber Reportern, die „ja doch nur an Informationen herankommen wollen“, etwa zu im Krieg misshandelten Frauen, worüber sie möglichst drastische Details hören möchten.

Newman versucht den Brückenschlag zwischen beiden Professionen, die „beide mit extremen, dramatischen Emotionen und Ereignissen zu tun haben“ und auf unterschiedliche Weise damit umgehen: die einen akut, in der Notsituation selbst, die anderen später, wenn die Betroffenen diese Situation aufarbeiten. Der Ethik und Verantwortung beider Berufe sei es geschuldet, dass sie voneinander lernen: „Wir brauchen die Journalisten, die brauchen uns.“

Mehr Informationen unter:

www.darteurope.org

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