Toter Rock : Komische Frauen - total absurd?

Die Klage ist alt: Es gibt zu wenige komische Frauen im Fernsehen. Das passte ins Bild: Frauen hatten zu wenige Resonanzräume. Jetzt aber kommen die Komikerinnen wie Carolin Kebekus

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Weiches F ell, scharfe Krallen. Carolin Kebekus macht „PussyTerror TV“.
Weiches F ell, scharfe Krallen. Carolin Kebekus macht „PussyTerror TV“.Foto: WDR

Jede Komik braucht einen Resonanzraum, in dem sie funktioniert oder auch nicht. Der kann eine politische Gruppierung sein, ein Milieu, eine Glaubensgemeinschaft, ein Stammtisch, eine Subkultur, eine städtische Population. Spaßmacher im Fernsehen brauchen ein Saal- oder Studiopublikum. Komik kommuniziert unmittelbar, Lachen kann man nicht aufschieben. Es passiert spontan oder gar nicht. Und ist in vielen Fällen nur einmal möglich. Der Witz mit Bart funktioniert nicht wirklich. Deshalb muss der Comedian sein Programm ständig erneuern.

Interessanterweise ist es nicht einfach, zu erklären, warum eine Situation, eine Formulierung, eine Anspielung, eine Grimasse komisch sind. Schon die Vielfalt komischer Wirkungen, die unterschiedlichen Resonanzräume, in denen sie sich entfalten, erschweren einen Erklärungsversuch. Aber man kann Bedingungen für das Gelingen einer komischen Show festhalten. Die wichtigste ist eine Verschwörung mit dem Publikum. Die könnte zum Beispiel lauten: Wir sind uns doch einig, dass die da oben alle Gangster sind ..., so beim linken Kabarett. Oder: Wir wissen doch nun, dass Frauen nicht Auto fahren können ..., so der Stammtisch in den 1950er/60er Jahren. Oder: Ist doch wohl klar, dass nichts auf dieser Welt einen Sinn ergibt ..., so die Komiker in der Nachfolge von Dada, beispielsweise Harald Schmidt oder Kurt Krömer. Wenn die Erwartungen des Publikums nicht erfüllt werden, gibt’s auch keine Lacher. Ließe René Marik seinen Maulwurf vor Stammtischbrüdern auftreten oder Sascha Grammel seinen Geldautomaten auf einem Informatiker-Treffen, dann gäbe es wahrscheinlich keine komische Sternstunde.

Frauen hatten zu wenig Resonanzräume

Für den Mangel an komischen Frauen, seit Erfindung des Fernsehens oft beklagt, gibt es diese schlichte Erklärung: Sie hatten zu wenig Resonanzräume. Das eigentliche Unglück der Frauen seit der Neuzeit ist womöglich weniger, dass Männer sie „unterdrückt“ und auf sie herabgesehen haben, als dass sie im Vergleich zu den Männern viel zu wenig Felder für Erfahrung und Selbstausdruck besaßen. Das gute alte Haus und die Fürsorge für die Sprösslinge plus ein paar Hilfsdienste da und dort waren wirklich gar nichts im Vergleich zum Leben der Männer auf den sieben Meeren und fünf Kontinenten, auf den Bewährungsfeldern der Wissenschaft, der Künste, der Kirchen, des Krieges, des Handels. Und da komische Wirkung Kommunikation ist – mit den Zeitgenossen, mit den Welten des Geistes und der Macht –, blieb der weibliche Humor unentwickelt und kleinteilig und das auch noch im privaten Rahmen. Dass sich unter diesen Umständen keine Tradition weiblicher Komik ausbilden konnte, ist nicht verwunderlich.

Die Zeiten ändern sich, die Komikerinnen kommen. Vereinzelt, als Ausnahmen, gab es sie ja immer schon – man denke an Liesl Karlstadt oder Valeska Gert. Aber bei uns im Fernsehen war lange toter Rock, bis die ersten weiblichen Kabarettisten und Comedians – Gerburg Jahnke und Stephanie Überall als „Missfits“, Esther Schweins und Tanja Schumann in „Samstag Nacht“ – einen Vorgeschmack davon lieferten, dass Mädels nicht bloß Lachnummern waren, sondern Nummern bieten konnten, die zum Lachen brachten. Anke Engelkes Sketche sind so sophisticated, dass man sie mehrmals schauen kann, ohne das Lachen zu verlernen, sie sind eben keine Stand-up-Comedy, die nur im Moment zündet. Diese spezielle komische Kür, das Pointenfeuerwerk aus der Hüfte, setzt ein Talent voraus, mit dem Saal zu kommunizieren und ihn zu kitzeln – das fehlte Engelke noch, als sie dabei scheiterte, Harald Schmidt als Late-Night-Talkerin zu beerben.

In der "heute show" sind coole Komikerinnen dabei

Aber der Nachwuchs wird schon spontan-komischer. Im Ulk-Flaggschiff des ZDF, der „heute show“, bestehen die Komikerinnen Carolin Kebekus, Tina Hausten und Birte Schneider mühelos neben den Kollegen; sie sind frisch, frech, gelassen und cool genug, um die Falle der Überanstrengung, die bis vor Kurzem noch weibliche Komik auf dem Bildschirm öfter mühsam machte, zu meiden. Nicht mehr sie rennen dem komischen Ausdruck hinterher, der komische Ausdruck ist bei ihnen angekommen.

Der Grund dafür ist, dass sich den Frauen inzwischen genug Erfahrungsfelder geöffnet haben, um ihnen Resonanzräume zu schaffen, in denen sie sich mit dem Publikum verabreden können. Und zwar nicht mehr so: He, Leute, es ist uns doch inzwischen allen klar, dass Männer wehleidig und begriffsstutzig sind.

Diese Art der Geschlechterpolemik ist, tut mir leid, Frau Jahnke, nur noch ein müffelnder Leichnam – selbst Ingo Appelt hat das inzwischen kapiert. Nein, die Verabredung der Komikerinnen mit ihrem Publikum lautet heute etwa so: Wir sind uns doch wohl einig, dass die da oben manches zu verbergen haben ... Oder auch: Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass es total absurd ist, auf dieser Welt nach Sinn zu suchen.

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