Tour de France : Der Bekehrte

Früher der Hurra-Reporter, heute der Antidoping-Missionar: Hajo Seppelt kennt nur das Extrem.

Frank Bachner

Die Wasserträger, sagt Hajo Seppelt, die sind für ihn nicht entscheidend. Leute, die Alberto Ongarato, Enrico Poitschke oder Allessandro Cortinovis heißen, Namen, die sich kaum einer länger als ein paar Minuten merken wird. Wenn die als Doper auffliegen, dann könnten ARD und ZDF ruhig weiter über die Tour de France berichten, damit hätte Seppelt keine Probleme. Aber wenn die ganzen Anti-Doping-Bekenntnisse von Profis und Teammanagern, die flammenden Appelle an einen sauberen Sport, wenn das „alles Lug und Trug sein sollte“, weil halt doch wieder serienweise Dopingsünder auffliegen, dann „könnte ich verstehen, wenn ARD und ZDF sofort ihre Übertragung abbrechen würden“. Aber vorher würde er noch über den Lug und Trug berichten. Hajo Seppelt ist einer der Dopingexperten der ARD bei der Tour.

Matthias Kessler vom Astana-Team ist nur einer dieser Wasserträger. Auf ihn muss Seppelt nicht mehr achten, Kessler darf nicht zur Tour. Er hatte vor einer Woche in seiner A-Probe den abnorm hohen Testosteron-Quotienten von 84, erlaubt sind vier. Seppelt wusste es als Erster. Er saß in einer Dönerbude in Berlin, als er um 18 Uhr Kesslers Wert an die „Tagesschau“-Redaktion durchtelefonierte. Um 20 Uhr lief Kessler als 30-Sekunden-Meldung, das ist beachtlich.

So beachtlich wie Seppelts Stellenwert. Er beliefert „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, die politischen Magazine und die „Sportschau“. Er wurde zugeschaltet, als Reinhold Beckmann den gefallenen Star Jan Ullrich verhörte, er saß neben Bert Dietz, als der Ex-Profi ebenfalls bei „Beckmann“ über Doping beim Team Telekom berichtete.

Die ARD braucht so einen wie Seppelt. Es gibt einfach zu viele Skandale und Geständnisse, zu viele Enthüllungen über ARD-Honorare für Ullrich-Interviews und Berichte über Hurra-Berichterstattung. Fast aktionistisch arbeitet die ARD am Imagewandel zum Anti-Doping-Sender. Und Seppelt liefert den Stoff dazu. „Ich kann viel mehr machen als früher“, sagt der 44-Jährige. „Die Freiräume für kritischen Sportjournalismus sind größer denn je.“ Er sieht das an den Sendeplätzen, die er erhält. Zur Tour hat der zuständige Saarländische Rundfunk einen ganzen Doping-Themenkatalog fertiggestellt. „Ein Quantensprung“, sagt Seppelt. Er ist natürlich nicht allein, beim WDR haben sie im Januar eine Doping-Redaktion aufgestellt. Für die arbeitet auch Seppelt, er ist ja nicht mal Redakteur. Seine feste Stelle beim RBB hat er 2006 erst mal aufgegeben, jetzt arbeitet er als fester Freier für die ARD-Anstalten. Aber er ist der Mann vor der Kamera, er verkörpert die neue Linie.

Und er steht für diesen Aufklärungs-Journalismusen, den die ARD früher den großen Zeitungen überlassen hat. Seppelt verkündete als Erster, dass Floyd Landis, der Tour-Sieger von 2006, einen Testosteron-Quotienten von elf hatte. Er hatte exklusiv die BKA-Beamten gefilmt, die das Haus eines Arztes durchsuchten, der in die Fuentes-Affäre verwickelt sein soll. Den Tipp hatte er am Vorabend erhalten, auf der Autobahn erfuhr er, dass Ermittler auch in der Klinik waren, in der der Arzt arbeitete. Kurzfristig dirigierte er ein zweites Kamera-Team zum Krankenhaus.

Und dann natürlich Seppelt bei Beckmann, als moralischer Richter über Ullrich. Der Absturz des einen beförderte den Aufstieg des anderen. Beide sind gefallen, Seppelt nur früher. Im Frühjahr 2006 war das, da hatten ihn sieben von neun ARD-Sportchefs als Live-Kommentator für Schwimmen abgewählt. 14 Jahre hatte Seppelt kommentiert. „Die E-Mail“, sagt er, „war mein Verhängnis.“ Intern hatte er die unkritische ARD-Berichterstattung kritisiert. Doch die Mail wurde öffentlich und Seppelts Arbeitsbereich auf Doping reduziert. Nur ahnte damals keiner, dass drei Monate später Ullrichs Sturz Seppelts Thema ins Rampenlicht rücken würde. Plötzlich rückte er wieder auf. „Eine Genugtuung“, sagt er.

Aber vielleicht rückte er zu schnell auf und vielleicht wurde ihm eine zu große Bedeutung suggeriert. Denn der kritische Journalist Seppelt entwickelt sich immer stärker zum missionarischen Ankläger, erkennbar getrieben von der eigenen Überzeugung. Seine Kommentare spricht er mit leicht gesenktem Kopf, die Augenbrauen zusammengezogen, die ganze Mimik ein Signal des Angriffs. Er formuliert Sätze, die alle mit Ausrufezeichen enden. Eine ganze Generation von Sportreportern soll umdenken, Leute ausgetauscht, Zeichen gesetzt werden, drunter macht’s der 44-Jährige nicht. Seine Denkweise ist der Maßstab, das kommt rüber. Eine Mischung aus moralischer Instanz und Botschafter eines neuen Journalismus. Nach einer Podiumsdiskussion nannte ihn einer, der auch oben saß, „unerträglich selbstgefällig“.

Seppelt sagt, dass ihn „so etwas verletzt“. Er wolle doch nur aufklären, um die Doppelmoral und Heuchelei im Sport aufzuzeigen. Mag ja sein, und privat ist er zweifellos ein netter Kerl, nur erinnert er eben an den starken Raucher, der zum militanten Nichtraucher wird. Denn Seppelt verarbeitet mit seinen aggressiven Kommentaren ja auch seine eigene Geschichte. „Ich war“, sagt er, „ein Teil des Problems.“ Er hatte ins Mikrofon gebrüllt, als Franziska van Almsick um Medaillen schwamm, er hatte Siege bejubelt und Emotionen transportiert. Seppelt war einer jener Reporter, die er heute am liebsten ins Archiv verbannen würde.

Aber dann hatte er 1995 eine hilflos weinende van Almsick vor der Kamera. Die 17-Jährige hatte das EM-Finale in ihrer Spezialstrecke 200 Meter Freistil verpasst, jetzt stammelte sie: „Ich will keen Superstar sein.“ Da baute Seppelt erstmals emotional Distanz auf. „Mir wurde die Verlogenheit des Sports durch den extremen Leistungsdruck bewusst.“

1997, sagt er, „kippte es dann völlig“. Er traf die Journalistin Karen Helmstaedt, eine frühere kanadische Spitzenschwimmerin. Helmstaedt erzählte von ihren gedopten DDR-Gegnerinnen. Es war die Zeit, als die Dopingprozesse gegen DDR–Trainer begannen und Dopingopfer über Leber- und Herzschäden, über grausame Rückenprobleme berichteten. Seppelt war erschüttert. Mit Helmstaedt drehte er den Film „Staatsgeheimnis Kinderdoping“. In den Redaktionskonferenzen forderte er eindringlich, Dopingopfer ins Programm zu hieven. „Ich ging meinen Kollegen nachhaltig auf die Nerven.“ Seppelt entwickelte sich immer mehr zum Außenseiter.

Doch genau jene Sportchefs, die ihn degradiert hatten, die brauchen ihn jetzt für die ganz großen Einsätze: Seppelt ist fest vorgesehen für Peking, die Olympischen Spielen. Dort gibt’s viel zu tun für Dopingexperten.

„Tour de France, Prolog“, ca. 17 Uhr in der ARD, ab 16 Uhr bei Eurosport

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