Tour de France : Rote Karte für Tour-TV

ARD und ZDF setzen Live-Berichterstattung von der Frankreich-Rundfahrt nach neuem Dopingfall aus. Stattdessen gab es Dickhäuter zu sehen.

Sonja Pohlmann,Kurt Sagatz
Tour
Mikro aus. Das Erste sendete nur noch eine Doping-Sondersendung. -Foto: AFP

ARD und ZDF haben am Mittwoch ihre Live-Berichterstattung von der Tour de France mit sofortiger Wirkung ausgesetzt. Nachdem am Morgen bekannt geworden war, dass T-Mobile-Fahrer Patrik Sinkewitz bei einem Trainingstest im Juni positiv auf Testosteron untersucht worden war, zogen die beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsender innerhalb weniger Stunden die Reißleine. „Bis zur Klärung des Falles werden wir die Live-Berichterstattung aussetzen“, sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender dem Tagesspiegel und sprach von einer „Gelben Karte für die Tour“ – faktisch bedeutet die Entscheidung von Brender und ARD-Programmdirektor Günter Struve jedoch eher die Rote Karte für das öffentlich-rechtliche Tour-TV 2007.

„Die Vorwürfe gegen Sinkewitz sind deshalb so ernst, weil wir vor der Tour so lange mit den Rennställen verhandelt hatten, bis uns versichert wurde, dass alles sauber ist“, sagte Günter Struve. Zuvor hatten sich BR-Intendant Thomas Gruber, der derzeit als Vertreter von Fritz Raff vom Saarländischen Rundfunk die Geschäfte der ARD führt, und ZDF-Intendant Markus Schächter auf das gemeinsame Vorgehen verständigt.

Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Sendern wird der Spartenkanal Eurosport an seiner Tourberichterstattung festhalten. „Eurosport ist in 59 Ländern zu sehen. Deshalb können wir auf die nationale Perspektive keine Rücksicht nehmen und senden weiter“, sagte Werner Starz, Sprecher des Sport-Spartensenders. Dass dadurch der Eindruck entstehen könnte, Eurosport nehme das Thema Doping nicht ernst genug, glaube Starz nicht.

Die ARD sendete am Mittwochnachmittag anstelle der zehnten Etappe eine aktuelle Sondersetzung zu den Doping-Anschuldigungen gegen den T-Mobile-Fahrer Sinkewitz, der nach Mitteilung der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada bei einer Trainingskontrolle am 8. Juni positiv getestet worden ist. Über mögliche finanzielle oder juristische Forderungen vonseiten der Rennställe und der Tour-Veranstalter mache man sich derzeit keine Sorgen, sagte Brender weiter. Diese Frage stelle sich erst in zweiter Linie. Diese Entscheidung sei rein nach journalistischen Kriterien gefällt worden.

„Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, zu einer saubereren Tour beizutragen“, sagte der ZDF-Chefredakteur. Mit dem Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung wollten ARD und ZDF dazu beitragen, dass alle Beteiligten „endlich klar Schiff“ machten. „Dazu waren sie offensichtlich nicht in der Lage. Unsere Reaktion darauf war somit nur die logische Konsequenz.“

Der neue Doping-Fall könnte nach Meinung von Brender nun auch der Zeitpunkt sein, um die Idee eines allgemeinen Medienboykotts für die Tour de France zu konkretisieren. Dabei geht es auch um andere Sportereignisse wie zum Beispiel die Rad-Weltmeisterschaft in Stuttgart in diesem Herbst. Vor einer solchen Entscheidung müsse allerdings auch abgewartet werden, wie die Printmedien auf den neuen Dopingfall reagieren. Das ZDF selber werde nicht zum Boykott aufrufen.

Für ARD und ZDF kommt die Doping-Nachricht zur Unzeit. Erst am Wochenende hatte sich nach dem überraschenden Etappensieg von T-Mobile-Fahrer Linus Gerdemann die TV-Quote nach einer verheerenden ersten Woche zu erholen begonnen. Nun scheint es so, als sei die Glaubwürdigkeit des Radsports und der TV-Berichterstattung endgültig verloren. Die Zielankunft von Gerdemann hatten über vier Millionen Zuschauer gesehen, was einem Marktanteil von fast 30 Prozent entsprach. Der lag damit doppelt so hoch wie in der ersten Tourwoche. Zu Anfang der Tour hatten sich viele Zuschauer massiv über die geänderte Berichterstattung von ARD und ZDF beschwert, insbesondere über die ausführliche Thematisierung der Doping-Problematik. „Wir mussten anfangs noch die Balance finden zwischen der Doping- und Rennberichterstattung“, hatte Rolf-Dieter Ganz vom ARD-Tourteam eingeräumt.

Die ARD hatte vor der Tour bekräftigt, trotz der Doping-Diskussion an der Übertragung festzuhalten. Darauf hatten sich die Intendanten bei einer Gegenstimme entschieden – die übrigens aus Berlin von RBB-Intendantin Dagmar Reim kam. Zugleich hatte man allerdings festgelegt, dass bis auf Weiteres keine ehemaligen Profi-Radsportler als Co-Kommentatoren in Live-Übertragungen eingesetzt werden. Diese Regelung betraf unter anderem Marcel Wüst. ARD und ZDF haben zudem bislang eine Option zur Übertragung der Tour ab 2009 noch nicht wahrgenommen.

Eurosport könnte vom aktuellen Ausstieg der öffentlich-rechtlichen Sender profitieren. Denn wer das Rennen im Fernsehen sehen will, der muss nun den Spartensender einschalten. Schon in den vergangenen Wochen hatte der Sender mit seiner Tour-Übertragung doppelt so viele Zuschauer erreicht wie im Vorjahr: 276 000 Zuschauer schalteten bis zum 16. Juli durchschnittlich ein. 2006 waren es nur 172 000 Zuschauer, die die Tour bei Eurosport sahen. Im Vergleich zu ARD und ZDF hatte der Privatsender weniger umfangreich über die Dopinproblematik im Radsport berichtet. „Selbstverständlich steht das Thema Doping bei uns auf dem Notizzettel. Aber unsere erste Rolle ist nun mal die des Berichterstatters über den Sport“, sagte Starz. Den Ausstieg von ARD und ZDF sieht er auch nicht als Gewinn für Eurosport. „Wenn wir als Privatsender kurzfristig höhere Quoten haben, bringt uns das nichts. Viel wichtiger ist, dass wir als seriöser Sender wahrgenommen werden“, sagte Starz.

0 Kommentare

Neuester Kommentar