Medien : Tour de France: Wenn, dann, sozusagen

Heinz Florian Oertel

Vom Franzosen André Reuze stammt die respektvolle Kennzeichnung "Giganten der Landstraße". Sein "Tour de France"-Roman trägt diesen Titel. Das Buch eroberte einst - wie man heute sagt - Kultstatus. Überhaupt: vormals versuchten sich Literaten am Stoff Tour, und auch bei Zeitungen und Radio schwangen sich Sprachbegabte in die Sättel. Von Vico Rigassi bis Hans Blickensdörfer. Anfangs galt das auch fürs Fernsehen.

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Grafik: Etappen und Streckenprofile Rigassi, vom Schweizer Radio Sottens, war Sprachvirtuose und Unikum. Er parlierte französisch, italienisch, rätoromanisch, deutsch, auch englisch. Alles wechselweise, und hintereinander weg, für die internationale Klientel. Und alles mit originellem Pfiff. Rigassi jun., Lelio, suchte später Vaters Spuren auszubauen. Doch das war gestern.

Heute hört sich das anders an. Wenn die Tour-Giganten immer noch Gigantisches leisten, bewegen sich zu viele TV-Reporter/-Moderatoren, entscheidende Vermittler des Geschehens, ziemlich im Klein-Format. Nach dem Tour-Auftakt 2001 ist wieder manches zu befürchten. Gerade die Marathon-Übertragungs-Distanzen, von ARD, ZDF und Eurosport allerdings freiwillig gewählt, bereiten den meisten Mikrofonisten erhebliche Schwierigkeiten. So baumeln in der rund dreistündigen Dauer-Moderation erneut viel zu viele Sprechblasen. Hunderte Male Gehörtes. Dauerhaft Wiedergekäutes. Auch, weil immer umfangreichere Sprechertruppen antreten. Wobei sich leider längst herausstellte: Ehemalige Rennfahrer als Ko-Moderatoren müssen nicht unbedingt mehr wissen, besser reden und tatsächlich Neues anbieten.

Alles virtuell

Alle betreiben jedoch ein neues Spiel: Spekulieren, Prognostizieren und - besonders beliebt - Virtualisieren. Also: "... wenn er diesen Vorsprung beibehält, dann fährt er momentan in Gelb, sozusagen als virtueller Spitzenreiter ... ". Klar, und das alles lässt zig Variationen zu. Das Rennen wechselt von Minute zu Minute, und es gibt vier Trikotwertungen! Mithin wird hier an einem klebrigen Dauersprechbonbon gelutscht.

Lutscher sind auch schon seit einigen Jahren alle folkloristischen Hinweise und schon lange nicht mehr versteckte "Reisebüro-Nebentätigkeiten": Wenn Sie mal in diese Gegend kommen, wo der Wein Sowieso zu Hause ist ... Ja, hier, in Piesepampelshausen wird der erstklassige Käse Stinkenicht geboren ... Dazu Geschichtsträchtiges, Architektonisches, Zuschauer-Frage-Und-Antwort-Spiele - alles, was streckt und die Rennleere übertüncht. Eurosport offeriert, wie gewohnt, zusätzlich seine sprecherische Besonderheit: die Kaffeeklatschvariante. Oder wie man an Biertischen palavert.

Richtig, hier fehlen Namen. Noch. Das wird kommen. Wenn wir mehr sahen und hörten. Wie bei den Giganten wird sich das Können aller Dauersprecher ganz besonders in den Bergen beweisen. Da muss zum Bild, zum Porträt, zur einmaligen, riesigen Situation kommentiert werden. Spätestens dann wird sich die Spreu vom Weizen trennen.

Was alles auch fürs gute alte Radio gilt. Inforadio, oft bewährt, ist auch hier am Ball. Angewiesen aber auf nicht eigene, sondern von der ARD bestimmte, ausgewählte Reporter. Wer da hört, der kann wirklich miturteilen.

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