Tour-TV : Kalter Kaffee

Bei der Tour de France haben es nicht nur Dopingkontrolleure schwer. Über den Betrug am Sport wird in der Szene noch immer ungern geredet, weiß ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt

Kurt Sagatz
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Unbequeme Fragen muss und will sich Radstar Lance Armstrong bei dieser Tour von den wartenden Journalisten nicht stellen lassen....

Zwei Wochen ist die Tour de France nun wieder unterwegs – ganz ohne Dopingfall. Tourorganisator ASO und Weltradsportverband UCI können zufrieden sein, das teaminterne Astana-Duell zwischen Lance Armstrong und Alberto Contador sowie die Sprinterfolge von Mark Cavendish bestimmen die Schlagzeilen.

Für die Journalisten ist die Situation nach den Erfahrungen von ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt in diesem Jahr zwar nicht pauschal schwieriger geworden, allerdings auch nicht leichter. „Die Tour hatte im vergangenen Jahr zwei Schritte vor und in diesem Jahr einen zurück gemacht. Zu einem so laxen Umgang mit der Dopingproblematik wie noch vor wenigen Jahren konnte man aber nicht zurückkehren, die mediale Öffentlichkeit ist sensibler und kritischer. Auch wenn die Tourveranstalter lieber das große Spektakel sehen“, sagte Seppelt. Mit Lance Armstrong ist der Zirkuscharakter der Tour wieder stärker in den Vordergrund getreten.

Verdeckt wird dabei, dass sich nach Überzeugung des ARD-Dopingexperten an der Dopingmentalität im Spitzenfeld nach wie vor nicht viel geändert hat. Unterstützt werde das dadurch, dass viele Substanzen und Medikamente schwer oder gar nicht nachzuweisen seien. Führende Positionen im Radsport seien zudem mit Leuten besetzt, die über Jahre das alte System repräsentiert hätten.

Dass ARD und ZDF in diesem Jahr überhaupt – wenn auch verkürzt – live von der Tour berichten, war nicht von vornherein klar. Nach dem Dopingfall Patrik Sinkewitz von 2007 wollte die ARD lieber gestern als heute vom TV-Rad steigen, doch die Verträge mit dem Tourveranstalter ließen das nicht zu. Für das ZDF war immer klar: Wir übertragen nicht allein. Heraus kam ein Kompromiss. Die Öffentlich-Rechtlichen sicherten beschränkte Liveberichte zu, unter der Auflage, dass der Veranstalter alles für eine saubere Tour unternimmt. Einen Blankoscheck für uneingeschränkten Zugang für Doping-Rechercheure schloss das nicht ein.

Denn zur Tour-Normalität gehört auch, dass niemand in der Szene gerne über Doping redet. Man wundere sich gelegentlich, dass sich die Repräsentanten des Systems mehr über die Berichterstattung über Doping aufregen als über das Doping selbst – allerdings längst nicht nur im Radsport, hat Seppelt oft genug erlebt. Teammanager und Fahrer entziehen sich den deutschen Medien, drehen sich um, wenn ihnen von deutschen Journalisten Fragen gestellt werden. Andreas Klöden vom Astana-Team ist dabei zwar der Schlimmste, aber längst nicht der einzige, der Fragen zu Doping nicht mag.

Unterschiedliche Auffassungen prägen das Bild aber auch zwischen den Sendern, die in Deutschland die Tour ausstrahlen. Ebenso wie die ARD legt das ZDF Wert auf Tour-Berichte jenseits der aktuellen Etappe. An der Werbung „Doping nur für die Haare“ kann das Zweite nichts ändern, der ZDF-Bericht über neue Betrugsmethoden wie Gen-Doping und Hilfsstabilisatoren war deutlich. Bei Eurosport dominiert der Rennverlauf das Geschehen. „Mein Eindruck ist, dass manche das Dopingthema ganz bewusst ausklammern oder vergessen wollen, dass Doping ein systemimmanenter Bestandteil des Spitzensports ist. Da wird den Zuschauern ein X für ein U vorgemacht“, sagte Seppelt.

Der Tour-Tross ist für die Dopingrecherche ohnehin ein Nebenschauplatz. Doping geschieht nicht auf offener Bühne, sagt Seppelt. Auf den Touretappen lässt sich zwar recherchieren, ob die Kontrollen vor Ort funktionieren und zeigen, wie einige Teams die Kontrolleure warten lassen oder spontane Kontrollen sabotieren. Da kann es passieren, dass Dopingfahnder fast eine Stunde lang an der Kaffeebar vertröstet werden.

Die eigentliche Recherche findet jedoch an anderer Stelle statt. Während der Tour war Seppelt anfangs in Frankreich, reiste aber auch nach Spanien. Dort stellte er Recherchen zu Dopinghintermännern und zur spanischen Dopinggesetzgebung an. Aber nicht nur Doping im Radsport beschäftigt den ARD-Mann. Am 12. August strahlt die ARD ein halbstündiges Feature von Seppelt aus. Das Thema: Doping in der Leichtathletik anlässlich der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die am 15. August in Berlin beginnt.

Unterdessen schwächeln die Tour-Quoten von ARD und ZDF. Im Durchschnitt liegt die Zuschauerzahl bei 1,01 Millionen, bei der Tour 2008 waren es noch 1,35 Millionen gewesen. Am französischen Nationalfeiertag erreichten die ZDF-Berichte zum bedeutendsten Radrennen der Welt in Deutschland nur noch 600 000 Zuschauer. Eurosport zählte für seine Tour-Sendungen in Deutschland übrigens genau die gleiche Zahl, mit dem gewichtigen Unterschied, dass die durchschnittliche Reichweite des Senders sonst bei 169 000 liegt.

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