Tour-TV : „Nur ein bisschen Show“

Warum sollte man die Tour de France bei ARD und ZDF sehen? Das wussten weder Sender noch Zuschauer.

Kurt Sagatz
Tour de France 2009 - Schleck und Contador
500000 Radsportfans pilgerten am Sonnabend zum Mont Ventoux. Bei ARD und ZDF fiel die Begeisterung geringer aus.Foto: dpa

Es war das perfekte Drehbuch, selbst für ARD und ZDF. Die Entscheidung am Gigantenberg, am kahlen Riesen, wie die Franzosen den Mont Ventoux auch nennen. Eine halbe Million Radsportfans war am Sonnabend zur vorletzten Etappe der Tour de France 2009 angereist, um live den spektakulären Anstieg mitzuerleben. Viele weitere Millionen saßen daheim vor ihren Fernsehern. Sogar das Erste versammelte 1,15 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 9,8 Prozent entsprach. Zufrieden konnte man damit beim Saarländischen Rundfunk freilich nicht sein, selbst gegenüber dem letzten Jahr lagen diese Zahlen unter dem Durchschnitt. 2008 betrug der durchschnittliche Marktanteil der öffentlich-rechtlichen Sender 12,5 Prozent oder in Zuschauern gemessen 1,35 Millionen. So aber reichte der 21 Kilometer lange Gewaltanstieg zum Mont Ventoux nicht einmal zu einer Top-Ten-Platzierung unter den ARD-Sendungen vom Sonnabend.

Die Tour de France 2009 ist für ARD und ZDF in doppelter Hinsicht ein Desaster. Am Ende der dreiwöchigen Tour steht die Einsicht, dass man sich keineswegs in völliger Übereinstimmung mit dem Publikum befindet, das sich keineswegs mit Abscheu von den Pedaleuren abgewandt hat. Wenn es tatsächlich nur der „harte Kern der Radsportenthusiasten“ war, der die Komplett-Tour beim privaten Konkurrenten Eurosport verfolgte, dann handelte es sich um eine äußerst beachtliche Ausreißergruppe. Über die gesamte Tour de France erreichte Eurosport in Deutschland mit seinen Live-Übertragungen immerhin einen durchschnittlichen Marktanteil von 6,1 Prozent, wie Eurosport-Programmdirektor Arnaud Simon dem Tagesspiegel sagte – eine Verdreifachung gegenüber 2008. Die Bestmarke erreichte der Sender mit europaweit durchschnittlich 2,8 Millionen Zuschauern auf der 15. Etappe. Streckenweise waren bis zu 6,9 Millionen Zuschauer im Verlauf dieser Etappe international zugeschaltet, in Deutschland waren es 1,2 Millionen im Durchschnitt.
Zugleich weiß man bei ARD und ZDF, dass auch in den Jahren 2010 und 2011 kein Weg an der Frankreich-Rundfahrt vorbeiführt. So lange gilt noch der Dreijahresvertrag, den die Europäische Rundfunkunion EBU unter anderem im Namen der deutschen Sender mit dem Tourveranstalter ASO geschlossen hat. Selbst die großzügigste Doping-Ausstiegsklausel würde nicht weiterhelfen. Während der diesjährigen Tour gab es keinen einzigen Dopingfund, der Fall Danilo Di Luca bezog sich auf die Italienrundfahrt.

Unausgesprochen lautete dennoch immer der Subtext der öffentlich-rechtlichen Tourberichte: Wir wollen nicht, wir müssen aus journalistischen Gründen von der Tour berichten. Gleichwohl hielten ARD und ZDF das anfangs propagierte Sendeschema nicht durch. Berichte und Hintergründe sollten sich mit den Live-Bildern in etwa die Waage halten, hieß es vor dem Start in Monaco. Doch bereits ein paar Tage später in den Pyrenäen wurde diese Mischung neu austariert. Seither nahmen die Vorberichte gerade einmal zehn Minuten in Anspruch, bevor man bei der ARD zu Florian Naß und beim ZDF zu Peter Leissl an die Strecke schaltete.
Am Ende konnte es nicht nur Tour-Reporter Uli Fritz im Ersten mit Ironie nehmen: „Dopen ist im Radsport schwieriger geworden“, stellte Fritz fest und sagte weiter: „Dennoch bleibt eine saubere Tour so realistisch wie Hausbauen ohne Schwarzarbeit“. Ein gewisses Unbehagen war auch bei den Eurosport-Kommentatoren Ulli Jansch, Karsten Migels und Andreas Schulz in den letzten Tagen zu beobachten. „Bei Alberto Contador bleiben einige Fragen offen, wie er sowohl das Zeitfahren als auch am Berg immer dominierte“, tönte es ins Mikro, auch am Sonntag zum Stichwort Nachtest: „Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.“ Kurz vor dem Zielstrich am Mont Ventoux hatte der neue Tour-Sieger immerhin etwas Anstrengung gezeigt, biss kurz die Zähne zusammen. „Nur ein bisschen Show“, ließ Kommentator Florian Naß seine Zweifel durchblicken, bevor am Sonntag beim Finale in Paris der Schaulauf zwischen Place de la Concorde und Arc de Triomphe auf dem Programm stand.

Während ARD und ZDF sich nun überlegen müssen, wie sie in den nächsten beiden Jahren ihre Tour-Teilnahme gestalten wollen, bleiben die Radrennen für Eurosport eine sichere Quoten-Bank. Die Verträge für die zwei anderen großen Landesrundfahrten Giro d’Italia und der Vuelta in Spanien hat der Sender bereits bis 2012 beziehungsweise 2011 verlängert, wie Simon weiter sagte. Zusammen mit den Berichten von den Rad-Klassikern und Weltmeisterschafts-Wettbewerben des Radsportverbandes UCI kommt der Sender damit auf 400 Sendestunden, davon 250 Stunden live.

Bei der ARD beschäftigt man sich derweil mit einer anderen Sportart, dem Reiten. „Die Lust, Reitsport zu zeigen, ist extrem gesunken“, zitiert der „Spiegel“ einen ARD-Insider. Demnach haben sich die ARD-Sportchefs mehrheitlich gegen eine Verlängerung des Fernsehvertrages mit der Reiterlichen Vereinigung ausgesprochen, nachdem eine Untersuchung der Dopingfälle im Reitsport zu dem Ergebnis kam, es habe sich um Einzelfälle gehandelt, ein strukturelles Problem sei nicht erkennbar. Fortsetzung folgt. Kurt Sagatz

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