Medien : Träumer der Großstadt

Junge Migranten in Deutschland: ein ZDF-Film

Thomas Gehringer

„Entweder bist du was oder bist du nichts. Merk dir das.“ Ali wirkt resigniert. Er steht unter Druck, hat mit 20 nur einen Hauptschulabschluss und weder eine Lehrstelle noch einen Job. Er träumt davon, ein berühmter Rapper zu werden. Ali und seine Kölner Freunde gehören zu den Menschen, die vor allem als Problemfälle wahrgenommen werden: junge Männer aus Migrantenfamilien, deren Perspektiven mangels qualifizierter Ausbildung bescheiden sind, wobei ihr cooles Macho-Auftreten dazu in auffälligem Widerspruch steht. Bettina Braun hat solche Jungs im Alter von zwischen 16 und 20 zwei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Das erste Verdienst ihres sehenswerten Dokumentarfilms „Was lebst du?“ ist es, dass sie das aufrichtige Interesse, mit dem sie ihren Protagonisten begegnet, auch beim Publikum wecken kann.

Welches Vertrauen sich da im Verlauf der Arbeit aufgebaut hat, offenbart Bettina Braun gleich zu Beginn: Sie berichtet Ali (geboren in Köln, marokkanische Eltern), Kais (geboren in Köln, tunesische Eltern), Alban (im Kosovo geborener Albaner) und Ertan (geboren in der Türkei) von ihrer Schwangerschaft. Und während ihr Baby – auch zur Freude der jungen Männer – heranwächst, nimmt das Leben der vier Helden seinen Lauf. Bettina Braun rutscht nicht in Sozialromantik ab, wahrt bei aller Sympathie die nötige Distanz, zeigt Höhen und Tiefen. Einer besteht die Gesellenprüfung, ein anderer schmeißt seine Ausbildung hin, ein Dritter wird gar vorbestraft. Aber: Aus Stellvertretern der Verlierer-Generation in den Großstädten werden Persönlichkeiten mit ganz eigenen Problemen, Träumer mit Flausen im Kopf, aber auch mit Witz, Charme und Herzenswärme. Dass Ali als Musical-Darsteller am Ende einen großen Erfolg erlebt, sorgt für einen kräftigen Schuss Optimismus. Dieses Happy End, das sich Ali mit Talent und Durchhaltewillen erarbeitet hat, tut dem Film natürlich gut. Im wahren Leben geht es allerdings erst richtig los.

Bettina Brauns mehrfach preisgekröntes Debüt als Dokumentarfilmerin eröffnet die Reihe „Deutschland dokumentarisch“ des „Kleinen Fernsehspiels“. In noch drei weiteren Filmen geht es um die Träume und Lebensentwürfe der jungen Generation.

Zu sehen sind „Schule des Lebens“ (21.November, 0Uhr20) von Petra Mäussnest über drei Teenager an einer Schule für Erziehungshilfe, „Namibia Generation X“ (28.November, 0Uhr15) von Thorsten Schütte über weiße und farbige Schüler an einer deutschen Privatschule in Windhuk sowie „Grünschnäbel“ (5.Dezember, 0Uhr05) von Calle Overweg über sieben Kinder zwischen acht und 13, die bereits feste Berufsvorstellungen haben.

„Was lebst du?“: ZDF, 0 Uhr

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