Medien : Traumatische Tropen

Ein Film noir unter gleißender thailändischer Sonne: Wolf Gremms Psychothriller „Lieben und Töten“

Katrin Hillgruber

Wenn ein Paar auf einer Klippe hoch über dem Meer in handgreiflichen Streit gerät, geht das selten gut. Zumindest in Filmen. Ein hoch verschuldeter Berliner Architekt ringt über einer strahlend schönen thailändischen Bucht mit seiner Frau. Sie rutscht aus, er versucht sie zu halten, Sekunden später fliegen erschreckte Vögel auf. „Ein Jahr später“ heißt es dann in roter Schrift, ganz wie im Fortsetzungsroman. Auf der Insel Phuket landet eine Frau, die der Verunglückten frappierend ähnlich sieht. Die Malerin und Kinderbuch-Illustratorin Isabelle (Anne Brendler) ist nach Thailand geflogen, um ihre alte und enge Freundin Julia, gespielt von Gesine Cukrowski, wiederzusehen. Sie hat sich im asiatischen Urlaubsparadies der Deutschen den Traum von der eigenen Tauchschule erfüllt.

Der vermeintlich so rationalen Julia ist deutlich die Enttäuschung anzumerken, als sie sieht, dass die Freundin nicht allein gekommen ist. Offenbar hat sie sich wieder mit ihrem gewalttätigen Ehemann Tom versöhnt, der kleinmütig die Koffer trägt. Francis Fulton Smith, bekannt aus der friedvollen Serie „Familie Dr. Kleist“, überrascht mit einem Mienenspiel, das fortwährend brodelnde männliche Instinkte verrät. Als im Hotel ein Brief mit einem Video abgegeben wird, das Isabelle beim Flirt mit einem Unbekannten zeigt, verliert Tom erwartungsgemäß wieder die Beherrschung. Isabelle flieht in die tropische Nacht. Julia scheint schon auf sie gewartet zu haben. Zärtlich tröstet sie die Geschlagene. Währenddessen werfen die Wellen des beleuchteten Swimmingpools ihre Schatten an die Wände des Anwesens, ein nächtliches Motiv der Unruhe und des Geheimnisses. Was plant der verlassene Tom? Und wer ist der deutsche Architekt, dem Isabelle auf dem Markt begegnete und der sie auffallend fixierte, kurz bevor ihre Tasche gestohlen wurde? Sie trifft ihn am nächsten Tag wieder, doch erzählt sie Julia, die immer mehr zur kontrollierenden Beschützerin mutiert, nichts davon. Mit glaubwürdigem Staunen bis Entsetzen lässt sich Isabelle auf das Verwirrspiel in der Fremde ein.

„Wie das Gift in die Mango kam“ heißt der Bastei-Lübbe-Krimi von Barbara Wilde, den sich Wolf Gremm zur Vorlage für seinen Film noir im flirrenden Licht wählte. Der Regisseur, der einst mit Rainer Werner Fassbinder als Kommissar in Tigerjacke „Kamikaze 1989“ inszenierte, verrät, dass er an den Genre-Klassiker „Out of the Past“ gedacht habe: Robert Mitchum sitzt in einer Bodega in Acapulco, als eine Frau in Weiß aus der Hitze ins Dunkle tritt, um ihn ins Verderben zu stürzen. Wolf Gremms eigener todbringender Fruchtcocktail wurde Ende 2004 ausschließlich auf der Insel Phuket gedreht, dreieinhalb Wochen vor der Tsunami-Katastrophe. In diesem Psycho- und vor allem auch Erotik-Thriller des Altmeisters der grellen Effekte (und Ehemann der Produzentin Regina Ziegler) ist nichts, wie es scheint. Umso stärker das Bedürfnis der Figuren, sich durch allerlei Weisheiten ihrer verbliebenen Urteilsfähigkeit zu versichern: „Das Glück musst du suchen, das Unglück findet dich auch von allein“. Oder als Buddhismus light aus dem Mund von Julias neuem Geliebten, des verwitweten Architekten, dem der Österreicher Bernhard Schir mitteleuropäische Melancholie einhaucht: „Was zählt, ist die Gegenwart. Unwichtig, was passiert ist und was passieren wird.“

Auf diesen trotz seiner Tropen-Klischees spannenden Film voller albtraumhafter Erinnerungsfetzen und mit mindestens einem Toten angewendet, erscheint das als glatte Untertreibung. Fast drohen die vielen Volten ins Leere zu laufen, wäre da nicht Gesine Cukrowskis herausragende Darstellung der Julia. Die blonde Pathologin aus der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ verwandelt sich in eine klassische Femme fatale, die weiß, was sie will und wie sie es sich nehmen muss. „Lieben und Töten“: ein Animationsprogramm der anderen Art.

„Liebe und Töten“; ZDF, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben