Medien : Trend-Terror: Heiligt der Zweck die Mittel?

Ulrike Simon

Die Illustrierte "Max" hat in ihrer aktuellen Ausgabe gleich zwei Themen, die für ordentlich Gesprächsstoff, PR und damit Auflage sorgen. Da ist zum einen die Fotostrecke mit der nackten Sabrina Setlur, die laut "Bild" (Seite 1 von gestern) angeblich eine Million Mark Schadenersatz will, weil auf den Nacktfotos völlig unerwartet ihre Brustwarzen zu sehen sind. Und dann ist da noch die Geschichte mit der RAF-Mode. Ein Aufreger-Thema für Junge und Alte, Rechte und Linke, Hippe und Moralisten.

"Ist Terror cool?", fragt "Max" und zeigt Fotos aus der Modestrecke einer Szenezeitschrift von Frauen/für Frauen mit dem überaus originellen Titel "Tussi Deluxe". Sie ist am kommenden Donnerstag erstmals am Kiosk zu kaufen. Die Modestrecke besteht aus Fotos von Andreas Schiko, der im Auftrag des Düsseldorfer Blattes bekannte Bilder von RAF-Terroristen mit Models nachgestellt hat. Da sind dann zum Beispiel zwei Models neben einem Benz zu sehen, in dessen Kofferraum ein Entführter liegt. So wie 1977 bei der Entführung von Hanns Martin Schleyer. Geworben wird für Schuhe, daneben stehen Texte aus Herman Melvilles "Moby Dick". Ein anderes Foto zeigt die Inszenierung des toten, in der eigenen Blutlache liegenden Andreas Baader, der für "Schluppen, gesehen bei Woolworth" wirbt. Die RAF ist Pop, das RAF-Symbol ist ein cooles Logo, die Waffen als T-Shirt-Aufdruck sind trendy, die Klamotten aus den 70ern szenig, die RAF-Terroristen sind Helden, schreibt der 28-jährige Autor im Begleittext.

"Max"-Chefredakteur Hajo Schumacher erklärt die Entstehungsgeschichte damit, dass sich die Redaktion ebenfalls Gedanken gemacht hätte, wie sie die RAF als Thema aufgreifen könne. Die RAF sei ein Trend, es gibt die beiden Netzreporterinnen, die als "Prada-Meinhoff" vom Berliner Nachtleben berichten, T-Shirts mit dem RAF-Symbol würden stapelweise verkauft. "Max" entschied sich für das Angebot des Fotografen Andreas Schiko, die "Tussi Deluxe"-Fotostrecke abzubilden und darüber zu berichten. Angehörige der Opfer hat "Max" nicht gefragt, wie sie das finden. "Wir haben es versucht, aber es war zu kurzfristig, wir haben auf die Schnelle keinen gefunden, der dazu bereit gewesen wäre. Das holen wir im nächsten Heft nach", sagt Schumacher.

"Darf man mit den blutigen Szenen des deutschen Herbstes für Schuhe werben?", fragt "Max". Die Frage wirkt scheinheilig, schließlich ist "Max" nicht mehr als ein Trittbrettfahrer, der sich an diesen "Trend" anhängt. Doch Urheber des Ganzen ist jene, nicht gerade relevante "Tussi Deluxe"-Zeitschrift. Gab es in der Redaktion eine Diskussion darüber, ob es zynisch und geschmacklos ist, den in der Blutlache liegenden toten Baader nachzustellen, um damit - ganz cool - für Schuhmode zu werben? "Nö", antwortet Herausgeberin Cynthia Blasberg schlicht und kontert mit der Gegenfrage, ob es denn weniger schlimm sei, "ein Foto des Original-Toten" zu zeigen? Baader sei der "public enemy number one", und die Modestrecke, eingebettet in diverse Artikel über die Entstehung von Terrorismus und die RAF-Geschichte, sei ein "Befreiungsschlag". Befreit von Dogmen, von den "Vorgaben, wie wir Deutschen mit Geschichte umzugehen haben". Die Fotos des RAF-Trends "nur so" zu zeigen, wäre "Tussi Deluxe"-Macherin Blasberg "zu dröge" erschienen. Die Idee mit der Schuhmode sei die "smarteste Lösung gewesen", um "so authentisch wie möglich" zu sein. Und natürlich würden sie mit dem Foto von Gudrun Ensslin, die sich in der Zelle erhängt hat, nie werben. Das habe allerdings damit zu tun, "dass Ensslin mehr Verwandte hat". Die hätten ja Ärger machen können. Vielleicht hätte sich Baader ja eine Großfamilie anschaffen sollen, damit die Motive seines Todes nicht Jahre später mit modisch beschuhten Füßen getreten werden.

Ist es nun etwas Schlimmes, RAF-Symbole als modische Accessoires zu sehen? Ist es menschenverachtend, das Bild eines Toten oder eines Opfers von Terrorismus für einen modischen Gag zu benutzen? Warum sollen Ulrike Meinhof oder Andreas Baader Popstars sein? Kommt demnächst wieder der Wickelrock in Mode, und man kommt in Clubs am besten an, wenn man die Reichskriegsflagge um die Hüften wickelt? Zeigt man damit politische Haltung? Oder ist das alles einfach nur eine Folge der vielbesagten Entpolitisierung der jungen Generation?

"Ich denke vom Ergebnis her", sagt "Max"-Chef Schumacher. "Das Thema emotionalisiert, die Fotos lösen eine Debatte aus, und das ist gut so. Wer das Symbol der RAF zeigt, demonstriert damit, dass er gegen die Norm ist. Einem Andreas Baader oder einem Ché Guevara hängt der naiv-romantische Ruch des Freiheitskämpfers an. Deshalb werden sie mystifiziert, werden mit den Jahren zu Popstars." Der Zweck heiligt die Mittel. Mehrseitige, hochgeistige Erklär- und Lesestücke über die RAF-Zeiten gibt es zur Zeit viele. Vielleicht provozieren sie Jüngere wirklich nicht, sich mit der jüngsten Geschichte zu beschäftigen. Man sollte jene, die die so genannte "RAF-Mode" tragen, fragen, ob sie wissen, was sie da anhaben.

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