Medien : Trinken und tratschen

„Schöne Frauen“, aber kein schöner Arte-Film

Kerstin Decker

Sie sind jung, schön und beschäftigungslos. Jedenfalls im Augenblick. Darum sitzen sie jetzt in diesem Warteraum. Er hat so etwas Klinisches, Gleichgültiges. Aber die bevorstehende Strapaze ist anderer Art. Hinter der Tür ist kein Behandlungszimmer, sondern ein Casting. Eine wird am Ende des Tages die Rolle haben. Diese idiotische Rolle in diesem idiotischen Fernsehfilm, und darum sitzen sie hier. Und schauen halb neugierig, halb ängstlich und trotzdem sehr überlegen auf eine zweite Tür, die noch öfter aufgeht. Wer eintritt, ist eine Konkurrentin. Wer eintritt, minimiert die Chancen der anderen. Ist sie schöner? Jünger? Talentierter? Die Wartenden sind schon länger da – das sichert ihnen den Heimvorteil, das gibt ihnen einen Ewigkeitsaugenblick lang Überlegenheit. Nur sich stumm zu beäugen, geht nicht. Reden – aber worüber denn? Also beides. – So beginnt Sathyan Rameshs Film „Schöne Frauen“.

Und hier läuft alles ganz anders als bei gewöhnlichen Castings. Nicht eine bleibt übrig, sondern die ganze Besatzung des Wartezimmers. Jede bekommt eine Hauptrolle: Floriane Daniel (aus Tom Tykwers „Winterschläfer“), Julia Jäger („Klemperer“), Caroline Peters (Schauspielhaus Zürich), Clelia Sarto („Knockin’ on Heaven’s Door“) und Ulrike C. Tscharre („Lindenstraße“).

Die Idee ist charmant: Die Kandidatinnen sind sich schnell darüber einig, dass die Rolle so ziemlich das Letzte ist, was sie ihrer Biografie hinzufügen möchten. Ja, plötzlich entwickeln sie eine gewisse Lebhaftigkeit, die in merkwürdigem Widerspruch zum Grund ihrer Anwesenheit steht. Bis eine aufsteht und sagt: Ich gehe! Und die anderen herausfordernd ansieht.

Ist ein Film mit fünf schönen Frauen eigentlich schöner als ein Film mit nur einer schönen Frau? „Schöne Frauen“ unterscheidet sich von der Fernseh-Einheitskonfektion; es ist ein sehr ambitioniertes Stück Fernsehen. Aber gibt es etwas Furchterregenderes als das Ambitionierte? Die fünf müssen den angebrochenen Tag irgendwie zu Ende bringen und Ramesh seinen Film; fünf passen gerade in ein Auto. Sie fahren auf den nächsthöchsten Berg, schon wegen des Überblicks.

Alles was jetzt kommt, hätte die größtmögliche Beiläufigkeit haben müssen, irgendsoeine Nirwana-Leichtigkeitsschwere, aber bei Ramesh scheint hinter jedem Blick, jedem Satz, jeder Einstellung ein Ausrufezeichen zu stehen. Es ist der erste Film des Drehbuchautors Ramesh. So gleichberechtigt wie Sätze auf einem Blatt Papier nebeneinander stehen, so reiht er die Bilder. Es liegt nicht an den Frauen, dass „Schöne Frauen“ ein akutes Rhythmusproblem hat. Abgesehen davon, dass Frauen-unter-sich-Filme doch eher zu den televisionären Belastungstests zählen. Das Presseheft gibt das offen zu: „,Schöne Frauen‘ zeigt attraktive, rauchende und sich betrinkende Frauen und bricht damit auf ironische Art und Weise mit dem Stereotyp der unabhängigen, erfolgreichen und makellosen Aktrice.“ Vielleicht hätten die fünf doch besser das Casting machen sollen?

„Schöne Frauen“, 20 Uhr 40, Arte

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