Medien : Triviales, aber genial

Thomas Gottschalk trifft in Berlin den Geschmack des Publikums – und Rudi Völler auf lauter Bewunderer

Kerstin Decker

Nachmittags um zwei sind die Hagelkörner am größten. Um fünf Uhr kommen die Blitze. Zwischendurch nur ein wenig Regensturm. Die größte Fernsehshow Europas? Kann sein. Aber wer diesmal Showmaster wird, ist noch lange nicht entschieden – Gottschalk oder der Himmel über Berlin. Doch sie kommen, mit Planen, Decken und Schirmen. Der Zug der 20 000 unter einem jetzt ironisch weiß gewölkten Himmel. Kennen wir schon. Zwischen den Fluten die Andeutung, wie Sommer auch aussehen kann.

Seit Wochen ist die Waldbühne ausverkauft. Ab sechs Uhr ist Einlass, kurz vor acht tritt Gottschalk ganz in Gummi- Knallorange auf die Bühne und sieht aus wie ein Mitarbeiter der Berliner Stadtwerke. Die 20 000 erkennen ihn trotzdem. Gottschalk bedankt sich auf Gottschalk-Art: menschlich sehr bewegender Beifall, dienstlich jedoch vollkommen nutzlos. Sein erster Blick geht nach oben. Doch die dunklen Streifen am Halbrund-Horizont sind gar keine neue Gewitterfront. Alles Berliner, eine dunkle Masse, der Anblick ist selbst für Gottschalk neu. Jetzt habe er schon mehr Leute im „Saal“ als Arte Zuschauer.

Am Nachmittag, sagt Gottschalk, haben sie im Regensturm die Probe abgebrochen und er wollte seinen neuen weißen Anzug verbrennen. Nun trage er ihn versuchsweise doch, bloß die weißen Schuhe seien weg. Ob ihm nicht vielleicht jemand im Publikum ein paar weiße Schuhe, so Größe 42 bis 46, nur leihweise…? Es war wohl bloß ein Gag, aber Gottschalk hätte keinen besseren Auftakt finden können. Er bekommt die Schuhe, noch trägt er die orange Stadtreinigungsweste über dem weißen Anzug, und die 20 000 in der Waldbühne gehören ihm. Große Säle muss man „aufwärmen“ vor Showbeginn. Gottschalk macht das selbst und er ist gut. Kein Satz ohne doppelten Boden.

In der Viertelstunde vor „Wetten, dass…?"-Beginn begreift man wieder, was Gottschalk von einem Durchschnittsanimateur unterscheidet. Er ist mitten im Trivialen doch nirgends trivial. Er reagiert auf Zuschauerrufe, als habe er an diesem Abend nichts anderes mehr vor. Der „Lauter“-Rufer-Fraktion ganz oben rechts bietet er die Einblendung von Untertiteln an. Die Zwiesprache des Einen mit den Zwanzigtausend wird nur durch den Sendebeginn gestört. Der Himmel über Berlin ist nun blaßbewölkt. Eine Kamera fährt an Seilen über die ganze Waldbühne hin und zurück.

Bully Herbig aus „Der Schuh des Manitu“ bewirbt seinen neuen Film. Natürlich habe er Angst gehabt, dass das „Raumschiff Surprise“ keine neunzig Minuten trägt, darum sind es nur 87 geworden. Das ist die Preisklasse des Bully-Humors. Selbst Gottschalk ist für Augenblicke stumm. Aber das Publikum liebt „Bully“ und hält „Bully ist galaktisch“- Transparente hoch. Schon mit dem ersten Gast ist die Show auf der sicheren Seite und hat die Tonlage des Abends gefunden. Eine derbe Gutgelauntheit. Immer wenn Alanis Morisette, Rosenstolz oder Lionel Ritchie auf dem Affenfelsen in seltsam windfreiem Studiosound spielen, holt sich Gottschalk eine neue Cola und eine Dame zupft ausdauernd an seinen Große-Jungen-Locken, die nachher jedesmal genauso aussehen wie vorher.

Der Himmel über Berlin zieht die letzten Wolken zurück. Die oberen Reihen haben noch immer Sonne. Dafür stehen die Bikini-Mädchen und -Männer der Sonnencreme-Wette (Kann man 50 verschiedene Sonnencremes am Geruch unterscheiden?) unten im Schatten. Die eine friert doch anders als die andere, bemerkt Gottschalk. Anzüglich, ohne anzüglich zu sein. Wie immer. Man hat ihm die erotische Anspielung zu Unrecht verübelt. Denn sie ist eine Kunst, und er beherrscht sie, meistens. Sie ist auch diesmal der sublime Unterton des Abends.

Den größten Applaus allerdings bekommt ein Gast, den Thomas Gottschalk kurz nach 21 Uhr ankündigt. Ein Gast, „der liebend gern woanders wäre“. Die 20 000 Besucher ahnen schon, wer gemeint ist, sie beginnen von selbst zu singen: „Ein Rudi Völler, es gibt nur einen Rudi Völler.“ Der ehemalige Teamchef der deutschen Nationalmannschaft betritt die Bühne, er winkt in Richtung Publikum. Ein wenig schüchtern wirkt das. Die Kamera zeigt ihn jetzt in Großaufnahme, Völler ist gerührt, er zwinkert kurz ins Publikum, so wie er es immer macht, wenn er sagen will: „Ist schon okay. Die von allen erhoffte Frage, ob Völler nicht doch weitermachen will, bleibt lange ungestellt. Und als Gottschalk sie doch noch an ihn richtet, bleibt Völler entspannt und unbeeindruckt: „Wir haben uns alle ein bisschen darauf verlassen, dass Ottmar Hitzfeld es macht, aber wir haben ja noch den Otto Rehhagel.“

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