Medien : Trüber November, gruseliges Radio

Tom Peuckert

Seit unser Sohn Tomi Ungerers Buch „Kein Kuss für Mutter“ kennt, ist es zu Hause vorbei mit Zärtlichkeiten. Das Rollenideal des unsentimentalen kleinen Jungen, das Ungerer hier entwirft, war einfach zu unwiderstehlich. Einerseits ist das natürlich traurig für anlehnungsbedürftige Eltern, andererseits ein deutliches Qualitätszeugnis für den Autor. Dieser Tomi Ungerer, geboren im Elsass, berühmt geworden in New York, wird nun 75 Jahre alt. Er lebt mittlerweile in Irland und schaut zurück auf ein gewaltiges zeichnerisches Werk. In seinem Feature „Meine Heimat ist mein Kopf“ porträtiert Christian Scholz den Maler-Philosophen, der nicht nur die Seelen kleiner Jungen erraten und erfreut hat (Kulturradio, 22. November, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Am Totensonntag machen wir uns Gedanken über das Undenkbare. Wie sich das Totsein wirklich anfühlt, wird niemand erzählen können. Aber es gibt Menschen, die dem Tod erstaunlich nahekamen. Ihre Erfahrung hat Autor Ronald Steckel in seinem Hörstück „Durchbrüche“ gesammelt. Berichte von Patienten, die bereits klinisch tot waren. Nach ihrer Reanimation erzählten sie übereinstimmend von einem Licht am Ende des Tunnels, von tröstlichen Rückblicken auf ihr gesamtes Leben, von der Wiederbegegnung mit bereits Gestorbenen (Kulturradio, 26. November, 14 Uhr 04).

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Wer fände Coolness nicht irgendwie faszinierend? Immer gelassen sein in den Stürmen des Lebens, nie zitternde Knie haben oder eine brüchige Stimme. Dabei kann auch die Angst eine recht passable Tugend sein, wie Mechthild Müser in ihrem Feature „Die Angst geht um“ darlegt. Vorausgesetzt, wir fürchten uns in Maßen und vor den richtigen Dingen. Kontrollierte Angst gilt unter Wissenschaftlern als leistungsfördernder Ansporn und als Schutzmechanismus im brutalen Getriebe der Evolution. Wer sich angemessen fürchtet, lebt meistens länger. Der Coole wirkt zwar attraktiver, ist aber manchmal nur der Dumme. Die Autorin hat sich unter Angstforschern aller Disziplinen umgehört (Kulturradio, 27. November, 19 Uhr 04).

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Den Begriff Angstlust hat Sigmund Freud erfunden. Diese ambivalente Gefühlslage kommt ins Spiel, wann immer wir uns an Radiokrimis erfreuen. Man wird sich heute vorm Radio zwar kaum noch herzhaft gruseln, aber die besseren Werke des Genres erzeugen schon einen gewissen Nervenkitzel. Probieren Sie es mit dem Krimi „Mord im Nebel“ von Ivo Hirschler. Ein interessantes Fundstück aus dem Rundfunkarchiv, fast 40 Jahre alt, aber noch immer überzeugend durch seine Grundidee. Der Autor erzählt von einem Verbrechen im dichtesten Londoner Nebel. Immobilienmakler Powers, akustisch erkennbar an seinem chronischen Reizhusten, soll im Nebel niedergeschlagen und beraubt werden. Aber dann geschehen in der trüben Wolkensuppe unerwartete Dinge, die das Publikum am Radio ebensowenig überblicken kann wie die Gangster vor Ort (Deutschlandradio Kultur, 26. November, 15 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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In seinem Hörspiel „Nacht“ erzählt der polnische Autor Andrzej Stasiuk von Landsleuten, die in Deutschland Gold und Diamanten rauben. Bis eines Tages ein deutscher Juwelier zur Pistole greift. Der polnische Dieb kehrt als Leiche heim, doch zuvor hat man in Deutschland sein Herz zwecks Organspende entnommen. Eine dieser typischen Missgeschicke, wie sie an der Bruchlinie zwischen jungem und altem Kapitalismus entstehen. „Der Osten braucht Sachen, der Westen braucht Blut“, heißt es im Text. Stasiuk beleuchtet das moderne Europa in einer grellen Tragikomödie (SWR 2, 26. November, 16 Uhr 05, Kabel UKW 107,85 MHz).

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