Medien : Tschechisches Fernsehen: Mehr als eine Schwejkiade

Ludmila Rakusan

An den Weihnachtstagen erlebten die Zuschauer von Ceska Televize (CT) eine Überraschung ganz besonderer Art: Die Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders gab es an zwei Abenden hintereinander gleich zwei Mal. Auf der einen Seite wurde die Nachrichten vom regulären Redaktionsteam des Senders produziert. Dieses Programm konnte allerdings nur in Haushalten mit Kabel- und Satellitenempfang verfolgt werden. Denn über Antenne ließ der neue Fernsehdirektor Jiri Hodac, dem die CT-Belegschaft weitgehend die Gefolgschaft verweigert, seine "einzig legale" Version der Nachrichtensendung ausstrahlen. Diese allerdings musste in hastig angemieteten Studios der privaten Sender Nova und TV Prima aufgenommen werden. Auch am Dienstag kam es zu Störungen im Programmablauf.

Die aufständischen CT-Mitarbeiter wurden inzwischen vom Dienst suspendiert, weigern sich jedoch, dies zur Kenntnis zunehmen, und halten ihren Arbeitsplatz, den Nachrichtenraum im CT-Gebäude, weiterhin besetzt. In ihrem "bürgerlichen Ungehorsam" werden sie nicht nur von verschiedensten Fachverbänden der Fernseh- und Filmemacher und Organisationen wie dem PEN-Club, sondern auch von Intellektuellen, Schauspielern und bekannten Persönlichkeiten bestärkt. Hunderte von Zuschauern kommen jeden Abend mit brennenden Kerzen vor das CT-Hauptquartier in Prag, um ihre Solidarität zu bekunden. Kulturminister Pavel Dostal forderte Hodac auf zurückzutreten, um eine Beilegung des sich verschärfenden Streits zu ermöglichen.

Offensichtlich sind zahlreiche Tschechen der Meinung, dass die zarte öffentlich-rechtliche Konstruktion des einstigen kommunistischen Propagandasenders durch das Machtkartell der regierenden Sozialdemokraten CSSD und ihrer "Vertragsopposition" ODS des Parlamentsvorsitzenden Vaclav Klaus akut bedroht sei.

"Es geht um keine Gruppeninteressen der Fernsehangestellten, sondern um die Arroganz der Politiker, die sich auf Desinteresse und Müdigkeit der Bürger verlassen. Das Fernsehen soll zum gehorsamen Instrument derjenigen werden, die gerade an der Macht sind", formulierte Schriftsteller und Bürgerrechtler Ludvik Vaculik den weit verbreiteten Unmut in einer Petition, die über die Weihnachtsfeiertage bereits von Tausenden unterschrieben wurde.

Die jetzige Krise begann im Frühjahr, nachdem der Fernsehrat im Parlament neu besetzt worden war. Statt in dieses Kontrollorgan des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen zu schicken, bevorzugten die "Oppositionspartner" CSSD und ODS diesmal ganz unverhohlen nur noch ihre Gefolgsleute ohne Sachverstand und Autorität. Völlig überraschend setzte dieser Fernsehrat am 12. Dezember den bisherigen und erst elf Monate zuvor installierten Fernsehdirektor Dusan Chmelicek ab. Die überstürzte Art, mit der die Auswahl seines Nachfolgers innerhalb nur einer Woche durchgezogen wurde, nährte das Misstrauen, die zwei stärksten Parteien wollen nun auch die Chefetage des öffentlich-rechtlichen Fernsehens durch ihre Leute besetzen. Man verlangte den sofortigen Rücktritt des Fernsehrates und kündigte an, dessen Beschlüsse zu boykottieren. Die ersten personellen Entscheidungen des Fernsehdirektors Hodac, der sich zudem im CT-Sender bereits als Nachrichtenchef versuchte und im August angeblich wegen Unfähigkeit gehen musste, scheinen den schlimmen Verdacht zu bestätigen. Zur neuen Chefin der Nachrichtenredaktion stieg die ehemalige Fernsehmoderatorin Jana Bobosikova auf, die im Beraterkreis von Vaclav Klaus tätig war. Das alles stärkt den Widerstand der Fernsehmacher. Wie es weitergehen soll, weiß zur Zeit nur Vaclav Klaus: Er schlug vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu privatisieren.

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