Tunesien, Ägypten, Libyen : The Kings’ Speeches

Die letzte Waffe der Diktatoren sind ihre Fernsehansprachen – ein Vergleich.

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„Tötet die Kakerlaken!“ Muammar Gaddafi am Dienstag im libyschen Staatsfernsehen. Foto: dpa
„Tötet die Kakerlaken!“ Muammar Gaddafi am Dienstag im libyschen Staatsfernsehen. Foto: dpaFoto: dpa

Die arabische Jugend nutzt Facebook und Twitter, um sich zu vernetzen und ihre Proteste voranzutreiben. Die arabischen Despoten antworten in klassischer Manier: mit Fernsehansprachen. Schließlich war das Fernsehen bis vor kurzem noch ein taugliches Herrschaftsmittel. Doch Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten haben vorgemacht, wie man es nicht machen soll. Beide haben noch am Vorabend ihres Sturzes lange Reden an die Nation gehalten – genützt hat es ihnen nichts. Im Gegenteil: Beide haben die Revolte eher noch angeheizt, indem sie zu spät zu wenige Zugeständnisse gemacht haben. Auch plötzliche Anbiederungen waren eher kontraproduktiv. Muammar Gaddafi in Libyen scheint daraus gelernt zu haben: Er schlägt nicht nur militärisch ein auf das undankbare Volk, sondern auch verbal.

Da wollte sich Ben Ali am 13. Januar endlich einmal volksnah verhalten und hat sich plötzlich in tunesischem Dialekt und nicht – wie üblich – in Hocharabisch an seine Landsleute gewandt. Das durchschaubare Manöver erboste die Tunesier. Ebenso wie die Ankündigung, der Videochannel Youtube werde ab sofort zugänglich sein. „Entubes-toi youtube“ („steck dir Youtube hinten rein“ ) hieß es auf Facebook noch in der gleichen Minute. Damit war nach wochenlangen Protesten niemand mehr zufriedenzustellen. Vielleicht hätten ihm die Tunesier seinen Sinneswandel abgenommen, wenn er eine andere Krawatte umgebunden hätte: Wie immer trug er einen Schlips in seiner Lieblingsfarbe mauve – allein diese Farbe bringt die Tunesier bis heute auf die Palme. Brückengeländer und offizielle Gebäude wurden mauvefarben gestrichen, Ben Alis Gefolgsleute trugen Krawatten und Schärpen in eben jener Farbe, um ihre Treue zu demonstrieren. Eine mauvefarbener Schlips war daher gerade nicht das Zeichen für einen Neuanfang. Und so lieferte Ben Ali mit seiner abendlichen Ankündigung, er werde 2014 nicht wieder kandidieren, erst den Schlachtruf für die Großdemo am nächsten Tag: „Abgang nicht 2014 , sondern am 14.“ Am Nachmittag, es war der 14. Januar, floh Ben Ali außer Landes.

Hosni Mubarak, der erfahrene Kämpfer, hat lange geschwiegen. Erst am fünften Tag ergriff er erstmals das Wort, zuletzt dann am Vorabend seines Abgangs. Schwarz gefärbte Haare, ägyptische Flagge, alles wie immer. Ganz der Staatsmann und Landesvater, sprach er gravitätisch zu den „Töchtern und Söhnen“ Ägyptens, deren Rufe er angeblich erhört hatte. Doch er fand nicht heraus aus der Rolle des paternalistischen Übervaters, der am besten weiß, was gut ist für das Land, sein Land. Er wolle den Übergang leiten, nur einige Vollmachten abgeben. Sein Auftritt in gewohnter Manier machte noch einmal eindrucksvoll deutlich, dass sich unter ihm nichts ändern werde. Daher hat seine Rede die Demonstranten nur noch mehr erbost, weil die Erwartungen mittlerweile viel höher waren.

Muammar Gaddafi dagegen nutze seine erste lange Fernsehansprache seit dem Ausbruch des Aufstandes, um seinem Volk zu sagen, was er wirklich von ihm hält. Pestete er sonst gegen Amerikaner oder den saudischen König Abudallah, so nannte er nun die demonstrierenden Libyer „Kakerlaken“ und „Mäuse“, die getötet werden müssten. Die blutrünstige Rede hat selbst Getreuen des Regimes klar gemacht, wie ihr „Bruder Führer“ tickt – und Diplomaten und Minister wandten sich in Scharen vom Regime ab. Damit hat Gaddafis Rede letzte Klarheit geschaffen – außen wie innen. Während die Jugend die elektronischen Medien erfolgreich zur Mobilisierung nutzt, ist die klassische Fernsehansprache der Despoten eher kontraproduktiv und schon längst keine Waffe mehr. Der ägyptische Militärrat, der den Übergang leiten will, versendet seine Botschaften mittlerweile per SMS. Andrea Nüsse

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