TV-Bericht über "Putins Spiele" : Olympia der Widersprüche

"Putins Spiele", so heißen gleich zwei TV-Filme der nächsten Tage. Die ARD-Reportage am Montag und die Langzeit-Recherchen in der Arte-Dokumentation am Dienstag ergänzen sich vorzüglich.

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Wärmt sich am Olympischen Feuer: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin.
Wärmt sich am Olympischen Feuer: Russlands Staatspräsident Wladimir Putin.Foto: WDR

Am 8. Februar beginnen im russischen Kurort Sotschi die XXII. Olympischen Winterspiele. Russlands Präsident Wladimir Putin zeigt damit der Welt, wozu sein Land fähig ist. Und zugleich demonstriert er seine eigene Allmacht. „Putins Spiele“, so heißen zwei TV-Filme, die am Montag und Dienstag darstellen wollen, mit welchem unbedingten Willen der russische Staatschef seinen Traum von den Olympischen Spielen in Sotschi durchgesetzt hat – und welchen Preis die Russen dafür zahlen müssen. Dass sowohl die ARD-Reportage der Korrespondenten Golineh Atai und Udo Lielischkies am Montag als auch die Langzeitbetrachtung von Alexander Gentelev am Dienstag in Arte, an der auch der ARD-Sender MDR beteiligt ist, den gleichen Namen trägt, war nicht abgesprochen, das gilt auch für das direkte Aufeinandertreffen der beiden Filme. Im Ergebnis jedoch ergänzen sich die Reportage am Rande des Olympischen Fackellaufs und die Dokumentation für Arte vorzüglich.
Sowohl die Wahl Russlands als auch die des Austragungsortes im subtropischen Sotschi strotzt geradezu vor Widersprüchen. Olympia steht für Toleranz, nicht für Unterdrückung, heißt es zu Anfang der 45-minütigen ARD-Reportage aus dem Off, während im bewegten Bild festgehalten wurde, wie die Ordnungsmacht einem Mann am Rande des Fackellaufs die Regenbogenfahne, das Symbol für gleichgeschlechtliche Liebe, entreißt. Der größte Widerspruch jedoch liegt wohl darin, dass die Spiele offiziell ganz Russland zu Gute kommen sollen, während ein erheblicher Teil jener fast 40 Milliarden Euro, die die Spiele nun kosten, im korrupten Staatsapparat versickern. Auch bei Freunden von Putin, wie es im Film heißt.

In vielen Regionen Russlands haben die Menschen ohnehin ganz andere Sorgen als Abfahrtsläufe oder Skispringen. Das gilt auch für die Rentierzüchter östlich des Urals, die Lielischkies besucht hat. Von den Spielen hat man auch dort gehört, aber ohne TV-Empfang werden sich die Menschen dort sicherlich nicht ansehen. Dennoch wird auch ihr Leben von den Spielen und Putins Träumen beeinflusst, denn die Krise der Rentierzucht hat auch mit der wachsende Umweltverschmutzung durch die forcierte Förderung von Öl und Gas zu tun, denn ohne dieses Geld wäre Sotschi nicht möglich.
Alexander Gentelev ist für seinen Arte-Film einen anderen Weg gegangen. Über drei Jahre lang hat er vor allem vor Ort in Sotschi recherchiert, was die Spiele für die Region und den russischen Staatshaushalt bedeuten. Der quirlige Bürgermeister der Schwarzmeerstadt verkündet zwar vollmundig, dass kein einziger Bürger von Sotschi beim großen Sportfest ausgeschlossen sein wird. Der Bericht von Gentelev zeichnet jedoch ein anderes Bild - von Menschen, die tagelang ohne Wasser auskommen mussten, weil dies für die Bauarbeiten benötigt wurde. Von Familien, die obdachlos wurden, weil ihre Häuser enteignet wurden.
In Sotschi und Umgebung bleibt kein Stein auf dem anderen. Millionen Tonnen von Baumaterial, Abraum, Müll müssen bewegt werden, weil es zuvor so gut wie keine Wintersport-Infrastruktur gegeben hat. Alles muss neu gebaut werden, bis hin zum Olympischen Dorf, einem Flughafen, einem maritimen Hafen sowie unzähligen diverse Straßenbauten – darunter eine doppelstöckige Schnellstraße vom Präsidentenpalast zum Skigebiet.
Während der Bauarbeiten haben die Russen zwei neue Begriffe gelernt, sagt Gentelev. Otkat – gemeint ist damit der Anteil, der für die Bestechung aufgewendet werden muss – und Raspil – damit wird ausgedrückt, wie das Bestechungsgeld unter den Beamten aufgeteilt wird. Von 20, 30, 50 Prozent Otkat ist die Rede. Es sind abenteuerliche Geschichten, die Gentelev von Insidern erfahren hat. Zum Beispiel von dem russischen Investor, der sich nach London absetzen musste, nachdem man ihm angedroht hat, er werde in Blut baden und darin ertrinken, wenn er bei diesem Spiel nicht mitmacht.
Einer der vehementesten Kritiker gegen Sotschi als Austragungsort für die Winterspiele ist der Oppositionspolitiker Boris Nemzov. Er hat ein Faible für plakative Äußerungen. „Es gibt in Russland nur einen einzigen Ort, wo nie Schnee liegt. Und diesen Ort hat Putin mit Sotschi gefunden.“ Gegen den unbedingten Willen Putins, die Spiele dorthin zu holen, war jedoch jeglicher Protest zwecklos. Nemzov reagiert inzwischen mit einer gehörigen Portion Zynismus darauf. „Wenn alle Teilnehmer und Besucher der Olympischen Winterspiele das russische Sotschi unbeschadet überleben, ist dies das beste Ergebnis, das erreicht werden kann“, sagte er kürzlich in Berlin bei der Vorstellung von Gentelevs Film. Damit meinte er nicht das Terror-Risiko, sondern das Konstruktionsrisiko, weil die Stadien und Gebäude auf Biegen und Brechen hochgezogen wurden. Kurt Sagatz
„Putins Spiele“, Reportage von Golineh Atai und Udo Lielischkies, ARD, Montag um 22 Uhr 45. Die gleichnamige Dokumentation von Alexander Gentelev läuft auf Arte am Dienstag um 20 Uhr 15.


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