TV-Doku : Alles verloren

70 000 Straftaten registriert die Polizei jährlich in Las Vegas, zugleich zieht die Zwei-Millionen-Metropole 40 Millionen Touristen an. Arte zeigt in einer Dokureihe, wie hier Menschen zu Mördern werden – und wie sie dafür sühnen.

Jost Müller-Neuhof

Gladys muss sich entscheiden. Soll ihr Ungeborenes den Namen des Mannes tragen, der eine ihrer Töchter totprügelte? Sie hätte so gern einen Vater für das Kind. Soll sie gegen ihn aussagen? Oder soll sie lebenslange Haft riskieren, weil sie tatenlos blieb, als er um sich schlug?

„Das Gesetz von Las Vegas“ ist nah dran an Gladys. Wie sie ratlos Tränen vergießt, sich im Neonlicht auf ihrer Gefängnispritsche einrollt, wie sie, drogengeschwächt und aufgedunsen, noch vor ihrem Prozess alle Hoffnung fahren lässt. Der Film beobachtet Richter, Polizisten, Staatsanwälte und Verteidiger, wie sie sich Tag für Tag all jener annehmen, die in der Glitzermetropole nicht ihr Glück, sondern ihr Verderben gefunden haben, und zeigt, wie ein Mörder mit seiner Tat auch sich selbst und seine Familie zerstören kann. Die preisgekrönte Dokumentation zeichnet ein Bild des Verbrechens und wie es geahndet wird, nebenbei porträtiert sie das Babylon der westlichen Welt, Las Vegas, eine Stadt der Spieler, aber auch eine der Mörder und Räuber.

70 000 Straftaten registriert die Polizei jährlich in der Zwei-Millionen-Metropole, zugleich zieht sie 40 Millionen Touristen an, Glücksritter und Liebende, Verlassene und Verlorene. Regisseur Rémy Burkel investierte mehr als zwei Jahre, um jenen nachzuspüren, für die die Stadt als Täter und Opfer zum Schicksal geworden ist. Die meiste Zeit war die Kamera gar nicht mit dabei. Die Protagonisten mussten erst aufwendig überzeugt werden, sich begleiten zu lassen. Bis in den Gerichtssaal, bis die Jury ihr Urteil fällt.

Burkels zehnteilige Reportage über fünf Mordprozesse ist rasant geschnitten, erzählerisch und atmosphärisch sehr dicht, bewusst im Stil der aktuellen US-Krimiserien. „Ich wollte, dass es aussieht wie ein Spielfilm“, sagt der Regisseur. Mit diesem Konzept ist er nahe an der Wirklichkeit, näher vielleicht als mit einer effektarmen Detailstudie. Der US- Strafprozess ist in all seinen Facetten ein Schauspiel, ein Drama, das die Beteiligten im Stegreif gestalten. Eine Geste, ein falscher Blick genügt, um jede Sympathie der Jury zu verspielen.

Unverständlich, unmenschlich wirkt das aus der Sicht vieler Europäer. Ein Strafprozess soll hier die Wahrheit herausfinden. Über das Strafmaß entscheidet dann das Gericht innerhalb der Rahmen, die das Gesetz vorgibt. Schon in unseren Breiten ist das Ergebnis dieser Suche eine Konstruktion, eine gemeinsam erarbeitete Vorstellung, wie sich etwas abgespielt haben könnte. In US-Strafverfahren, unter dem Eindruck der Jury, potenziert sich der Effekt. Die Wahrheit, die es zu finden gilt, wird dort vor allem in der Antwort auf die Tat gesucht. Der Druck, der auf den Angeklagten lastet, ist enorm. Wer die Todesstrafe aus politischen oder humanitären Gründen ablehnt, gehört nicht in eine Jury. Denn die Todesstrafe gehört zum System. Eine gewisse Art, über Schuld und Verhängnis zu denken, wird von vornherein ausgeschlossen. Wer solch eine Jury überzeugen will, braucht eine gute Geschichte.

Aber es ist nicht die Kritik, auf die der Regisseur hinauswill. Es geht darum, etwas über Menschen und eine Gesellschaft in einer besonderen Stadt zu erzählen, und vielleicht auch ein bisschen darum, wie Amerika im Ganzen tickt. Durchaus so, dass es in die Kategorie Unterhaltung fallen kann.

Geschichten wie die von Gladys, deren Freund dort in „Sin City“ sein Geld verzockt und der sich in seiner Wut an der Tochter vergreift. Gladys, die sich dann nicht entscheiden kann, der ein Brief zum Verhängnis wird, den sie aus der Haft an ihren Liebhaber schreibt. Von ihr und ihrer Hilflosigkeit handeln die ersten beiden Folgen. Erst weint sie um ihre Tochter, dann um sich. Aber sie hat es so verdient, sagt sie. Jost Müller-Neuhof

„Das Gesetz von Las Vegas“, Arte, Freitag, 22 Uhr 30

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