TV-Doku : In der 9/11-Falle

Wie bin Laden den Westen manipulierte – eine ARD-Doku von Stefan Aust zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. Septembers 2001.

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Eingeschlossen: Am Karfreitag 2010 geriet ein Bundeswehrtrupp in Afghanistan in einen Taliban-Hinterhalt. Drei deutsche Soldaten sterben. Die ARD-Dokumentation zeigt Aufnahmen der Helmkameras, aber auch Videos, die von den Taliban später ins Internet gestellt wurden. Foto: NDR
Eingeschlossen: Am Karfreitag 2010 geriet ein Bundeswehrtrupp in Afghanistan in einen Taliban-Hinterhalt. Drei deutsche Soldaten...Foto: NDR

Florida, 11. September 2001. George W. Bush joggt in den Morgen, zwei Leibwächter hinter ihm, er scherzt in Richtung Kamera. Aus dem Off hört man die Stimme von Stefan Aust: „Ein Präsident im Morgengrauen, wenige Stunden später ist sein Land im Krieg, bis heute“, sagt der Exchef von Spiegel-TV und „Spiegel“ und jetzige Gesellschafter des Nachrichtensenders N24 und ergänzt: „Auch die Deutschen sind im Krieg, am Hindukusch, wo sie Deutschlands Freiheit verteidigen sollen.“ Zusammen mit dem ehemaligen Spiegel-TV-Mann Detlev Konnerth hat Aust für die ARD die Dokumentation „Die Falle 9/11 – Ein Tag, der die Welt veränderte“ produziert, eine 90-minütige Koproduktion von NDR, ServusTV, Das Erste, MDR und dem Schweizer Fernsehen. Am Sonntag wird sie ausgestrahlt.

Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon, für Aust sind sie der Ausgangspunkt der Dokumentation, in der er die Ereignisse des blutigen Jahrzehnts nach dem Terrorakt schildert. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob der Krieg gegen den Terror, diese Auseinandersetzung zwischen den ungleichen Gegnern, überhaupt mit militärischen und demokratisch legitimierten Mitteln zu führen ist und welcher Preis dafür gezahlt werden muss. In bester „Spiegel“-Manier zeigt Aust, wie es Osama bin Laden gelungen ist, die verhassten USA und ihre Verbündeten in eine Auseinandersetzung zu zwingen, die sie über Jahre politisch, wirtschaftlich und moralisch aufs Äußerste fordert, allzu häufig überfordert.

Belege für diese These hat Aust genügend gefunden. Nicht nur in einem Video aus dem Jahr 1998, in dem bin Laden den USA einen schwarzen Tag prophezeit, sondern genauso in den Einschätzungen namhafter Experten. „Bin Laden hat die USA in die Afghanistan-Falle gelockt“, bestätigte der amerikanische Nahostkenner und Präsidentenberater Bruce Riedel. Indem Al Qaida Amerika zum Einmarsch in Länder wie Afghanistan verleitete, erreichten die Terroristen das, was die Mudschahedin in den 80er-Jahren mit den Sowjets machten: sie ließen sie ausbluten, erniedrigten sie und brachen ihren Willen.

In zahlreichen Interviews zeichnen Aust und Konnerth die Entwicklung seit jenem Tag im Jahr 2001 nach. Sie sprachen mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder über die Anschläge, dem „schlagartig klar war, was das auch politisch bedeuten würde“. Weniger klar war die Situation für August Hanning, im Jahr 2001 Präsident des BND: „Wir hatten einen Anschlag erwartet, nur niemand hat mit einem Anschlag innerhalb der USA gerechnet“, sagt er. Das Netz, das bin Laden ausgeworfen hatte, war gut getarnt: SPD-Mann Peter Struck: „An eine Situation als Besatzungsmacht in Afghanistan haben wir nie gedacht. Wir glaubten, dass wir in zwei oder drei Jahren wieder draußen sind.“

Dass Amerika in die Falle tappte, führt Aust vor allem auf die neokonservativen Berater in Bushs Umfeld zurück, die in den Anschlägen auch eine Chance gesehen haben: Bereits in der Nacht von 9/11 schlug der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einen Militärschlag gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein vor. Überhaupt Rumsfeld: Dass es die Beweise für die irakischen Massenvernichtungswaffen in Colin Powells Rede vor dem Weltsicherheitsrat nicht gab, ist für ihn kein Problem. Es sei zwar etwas weniger als erwartet gefunden worden, man sei aber dicht dran gewesen. Und Guantanamo: Für Rumsfeld ein gut geführtes Gefängnis. Nur die Folterbilder von Abu Ghraib sind auch für ihn recht unappetitlich. Andere Verantwortliche von NSA, FBI und Krisenstab sehen das wesentlich kritischer, gestehen Inkompetenzen innerhalb des Geheimdienste ein.

Austs Dokumentation mit einer Länge von 90 Minuten ist besonders für die Zuschauer eine Herausforderung – nicht zuletzt wegen der teilweise drastischen Aufnahmen. Bei einem Selbstmordattentat auf einen Bundeswehrtransport verloren im Jahr 2003 vier Soldaten in Afghanistan ihr Leben, die Blutspuren an dem Fahrzeug sind deutlich erkennbar, genau wie ein aus dem Fenster hängender Arm. Am Karfreitag 2010 geriet ein Bundeswehrtrupp nahe Kundus in einen Hinterhalt, 80 Taliban-Kämpfer beschossen die Deutschen mit Maschinengewehren und Mörsergranaten. Die Doku zeigt Videos, die mit den Helmkameras der deutschen Soldaten während des Angriffs aufgenommen wurden. Kontrastiert werden sie mit Videos, die die Taliban später ins Internet stellten. Für drei Deutsche endete Al Qaidas Falle an diesem Tag tödlich.

„Die Falle 9/11 – Ein Tag, der die Welt veränderte“. ARD, 21 Uhr 55.

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