TV-Doku : Von wegen Hipster

Nur Kinderwagen und Latte macchiato? Eine ARD-Doku beleuchtet den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg - und zeigt, dass hier alle gar nicht so cool sind, wie sie's gerne wären.

Björn Seeling

Prenzlauer Berg ist kein Mythos, Prenzlauer Berg ist ein Missverständnis. Und das besteht darin, dass der Stadtteil immer noch als Heimat der Hipster gilt, obwohl schon längst die Generation 08/15 dem Kampf um Häuser und Straßencafés gewonnen hat. Erschreckend deutlich wird das in der neuesten Folge der RBB-Reihe „Unter deutschen Dächern“, in deren Mittelpunkt der einstmals berlinischste aller Berliner Stadtteile steht.

Gleich zu Anfang taucht der Ur-Prenzlauer Berger Wolfgang Thierse auf, der kurz vor der Wahl sagen darf, dass er gern am Kollwitzplatz lebt – wo sonst sollte ein Film über den Stadtteil beginnen – und den Kiez als „urbanes Quartier“ schätzt. Dass Thierse für einige Nachbarn im urbanen Quartier dagegen protestierten, weil das Bezirksamt den Wochenmarkt  ohne nachzufragen in ihre Straße verlagerte, bleibt allerdings unerwähnt. Unfreiwillig komisch wird’s, als der Bundestagsvizepräsident mit Mietvertrag aus Ostzeiten über Leute „mit viel Geld aus dem Westen und dem Ausland“ mosert, die sich „hier hineingedrängt“ hätten.

Leute wie den Makler zum Beispiel, der sich auf den Verkauf von Dachgeschossen spezialisiert hat. Seinen Kunden zeigt er schon mal die eigenen sechs bis acht Wände (warum die Interessenten angesichts hässlichen Interieurs nicht schreiend das Weite suchen, bleibt ein Rätsel). Oder die grauhaarige Frau, die in einem alles andere als Berliner Zungenschlag darüber lamentiert, dass der letzte Lebensmittelladen in ihrem Kiez an der Oderberger Straße schließen muss und ein selbst gebatiktes Protesttransparent aus dem Fenster hängt. So als Zeichen der Solidarität und so. Dem Ur-Prenzlauer-Berger entfährt spätestens an dieser Stelle ein Stoßseufzer, dass er dafür nicht auf die Straße gegangen ist, damals auf der grau-bröckligen „Schönhauser“, als die Vopo-Lastwagen auffuhren.

Aber zum Glück hat der Ureinwohner ja noch den Mauerpark „mit seinen seltsamen Kreativen“, wie der Sprecher aus dem Off erklärt. Doch auch hier, oh Schreck, steht er wieder rum, der Prenzlauer-Berg-Bewohner der zweiten und dritten Stunde, dieses Mal in Gestalt von Stadtsoziologe Häußermann, früher Charlottenburg, ganz früher Schwaben, der noch schnell die „Developer, die Eigentümer“ geißeln, und, ach herrje, eine Träne über die glattsanierten Hinterhöfe in der Oderberger verdrücken darf.

Seltsam alt wirkt der junge Stadtteil (die meisten Einwohner sind zwischen 25 und 45 Jahre), wenn die zu 100 Prozent ausgetauschte Bewohnerschaft und ihre Lebensentwürfe präsentiert werden, die eins zu eins aus klein- oder mittelstädtischen Gemeinschaften zu stammen scheinen. Nur, dass das Reihenhaus in Prenzlauer Berg Eigentumswohnung heißt und dass das Statussymbol kein BMW oder Mercedes in der Auffahrt, sondern das Kind im Bugaboo-Wagen ist. Ohne Kind gehöre man eigentlich nicht dazu, sagt zum Beispiel Moderatorin Sandra Maischberger. Aber dies habe sich ja mittlerweile geändert. Und das ältliche, aus Bonn zugezogene Paar doziert vom christlichen Wertekanon, der zur Erziehung ihres Kindes gehöre. Und zu dem gehöre auch der Kirchgang am Sonntag (die Filmemacher sprechen von einem neuen Trend). Glücklicherweise hatten die Autoren zuvor mit dem richtigen Gespür von Situationskomik Bilder davon gezeigt, wie beknackt herumhüpfende Papis und Mamis ihre Kleinchen zu Musikerziehung nötigen – in französischer Sprache versteht sich.

„Unter deutschen Dächern: Berlin-Prenzlauer Berg", 23 Uhr 30, ARD

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben