TV-Doku : Zucker, eine Rassenfrage

Arte betreibt mit einer dreiteiligen Südafrika-Dokumentation Grundlagenarbeit für die Fußball-WM

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TV-Ethnologie. Die südafrikanischen Buschmänner der San waren die Ureinwohner des afrikanischen Kontinents, heißt es in der Arte-Dokumentation. Foto: WDR Foto: © Gruppe 5 Filmproduktion
TV-Ethnologie. Die südafrikanischen Buschmänner der San waren die Ureinwohner des afrikanischen Kontinents, heißt es in der...Foto: © Gruppe 5 Filmproduktion

In den Gefängnissen Südafrikas wurde auch der Zucker penibel nach Rassen getrennt: Für Weiße gab es weißen Zucker, für Inder braunen, für Schwarze keinen Zucker. Vielleicht sind es gerade solch absurde Details, die die Ungerechtigkeit eines Regimes besonders kennzeichnen. Am 2. Februar 1990 kündigte Präsident Willem de Klerk im Parlament an, das Verbot des African National Congress (ANC) aufzuheben und Nelson Mandela freizulassen. Das Apartheid-Regime, pleite und international geächtet, gab endlich klein bei. 20 Jahre später will sich Südafrika bei der Fußball-Weltmeisterschaft als modernes, weltoffenes Land präsentieren – Anlass für zahlreiche Dokus und Reportagen in den kommenden Wochen.

Arte betreibt da in gewohnter Manier Grundlagenarbeit, ehe angesichts des näher rückenden Turniers immer mehr aktuelle Bilder und Berichte in die Wohnzimmer drängen. Mit dem Dreiteiler „Kap der Stürme – Land der Hoffnung“ liefern Judith Völker und Christel Fromm von der Kölner Produktionsfirma Gruppe 5 einen umfassenden Überblick über die Geschichte Südafrikas, seit am 6. April 1652 Mitglieder der niederländischen Ostindien-Gesellschaft am Kap gelandet waren. Wer sind eigentlich die Ureinwohner? Was hatte Ghandi mit Südafrika zu schaffen? Wie kam es zum Burenkrieg? Wo liegen die Wurzeln der Apartheid? Aber auch: Seit wann wird dort Wein angebaut?

Arte hat eine Menge Antworten und sendet alle drei Teile am Stück. Das sind zusammen gut zweieinhalb Stunden, die in der ersten Folge etwas zäh beginnen, aber dank des immer reichhaltigeren dokumentarischen Materials zunehmend interessant werden. Für die letzten 30 Jahre des Apartheid-Regimes nach dem blutigen Polizeieinsatz im Sharpeville-Township 1961 und der Radikalisierung des ANC wünschte man sich dann deutlich mehr Zeit. Das Erste zeigt sogar nur eine deutlich kürzere, 90-minütige Fassung (30. Mai, 13 Uhr 15) der von WDR und SWR in Auftrag gegebenen Dokumentation.

Trotz populärer Erzählweise werden hier schon mal gängige Schlagworte hinterfragt. Etwa wenn der Historiker Tim Couzens darauf hinweist, dass der um die Jahrhundertwende geführte Burenkrieg nicht nur ein Krieg zwischen Briten und Buren war, sondern „eigentlich ein südafrikanischer Krieg“. Viele schwarze Afrikaner kämpften mit oder wurden von beiden Seiten zur Zwangsarbeit verpflichtet. Und die britische Kolonialmacht, in deren sogenannten „Konzentrationslagern“ während des Burenkriegs zehntausende Zivilisten starben, war für die systematische Ausgrenzung der Schwarzen mitverantwortlich, beginnend mit dem 1913 verabschiedeten Landgesetz der neuen Südafrikanischen Union.

Die Autorinnen sind sichtlich bemüht, etwas weniger bekannte Persönlichkeiten aus der südafrikanischen Geschichte in den Mittelpunkt zu rücken. Statt einer weiteren Abhandlung über die Legende Nelson Mandela rücken ANC-Mitgründer Sol Plaatje, Mandelas Mentor Walter Sisulu, der Bure Deneys Reitz und das kommunistische Ehepaar Bernstein in den Vordergrund. Die Bilder zu den ausgewählten Biografien liefern die obligatorischen Spielszenen, was anfangs aufgrund mangelnder Dokumente aus dem 17. und 18. Jahrhundert noch halbwegs nachvollziehbar ist, später aber immer weniger überzeugt. Auffallend oft muss auch die südafrikanische Landschaft dafür herhalten, die Aussagen des Films atmosphärisch zu stützen.

Welche Kraft authentische dokumentarische Bilder haben, beweist dagegen eine Szene, in der eine Gruppe schwarzer Frauen von den Folgen ihrer Zwangsumsiedlung berichtet. Ihr Viertel war abgerissen worden, um die Menschen verschiedener Hautfarben auf die ihnen zugewiesenen Gebiete zu verteilen. Und am Ende genügen einige Aufnahmen aus der Wahrheitskommission, um auch ohne Ton zu zeigen, wie schwierig und schmerzhaft der Versuch einer Versöhnung in diesem Land gewesen sein muss.

„Kap der Stürme – Land der Hoffnung“, Arte, 20 Uhr 15

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