TV-Dokument : Der verdrängte Genozid

ARD zeigt eine bewegende Dokumentation über den Völkermord an den Armeniern.

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Nach dem Völkermord. Zurück bleiben die armenischen Kinder, die jetzt Waisenkinder geworden sind. Foto: NDR/Lepsius Archiv

Schon die hochkarätige schauspielerische Besetzung ist eine Demonstration. Und im Titel des Dokumentarfilms „Aghet“ – armenisch: „die Katastrophe“ – steckt eine klare Ansage. In der ARD werden die Massaker an den Armeniern 1915/16 im Osmanischen Reich, bei denen das ältesteste christliche Volk fast vollständig vernichtet wurde, als das benannt, was sie sind: ein Genozid. 90 durchweg spannende und erschütternde Minuten, die für Aufregung sorgen werden.

Gefragt hatten sich die Filmemacher zunächst, ob sich Franz Werfels 1933 erschienener großer Roman zum Thema „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ verfilmen lässt. Doch das wagte Regisseur Eric Friedler dann nicht. Stattdessen entschied sich der gebürtige Australier, seit 2002 Redakteur beim NDR und Autor der herausragenden Studie „Das Erbe der Quandts“, für eine eigene Form, um die Zeugnisse aus der Vergangenheit noch einmal ins Heute zu holen. Er ließ, gestützt auf schriftliche Überlieferungen von Zeitzeugen, bekannte Schauspieler – insgesamt 23 – in deren Rollen schlüpfen. Da wird dann etwa aus Martina Gedeck die schwedische Missionsschwester Alma Johansson, aus Burghart Klaußner der Schweizer Diakon Jacob Künzler sowie aus Ludwig Trepte und Hannah Herzsprung die Überlebenden Hambardzoum Sahakian und Tagouhi Antonian. Friedrich von Thun schlüpft in die Rolle des US-Botschafters in Konstantinopel, Henry Morgenthau, und Joachim Król wird zu dessen kaiserlich-deutschem Kollegen Graf Wolff Metternich zur Gracht. Diese Auftritte sind der Schwerpunkt in dem Film, der mit Berichten aus Istanbul, Eriwan und Berlin sowie historischen Aufnahmen präzis einführt ins Thema.

„Wir wollten kein Lametta und keine große Kostümierung“, sagt Friedler. Das heißt: Die Schauspieler schauspielern nicht, damit sich der Zuschauer ausschließlich auf das konzentriert, was die Menschen damals, als Beobachter oder Opfer, zu sagen hatten. „Es ging um die komplette Reduktion auf die Aussagen, also eine der pursten Formen des Dokumentarischen“, erläutert der Regisseur.

Geforscht wurde in vielen internationalen Archiven, unter anderem im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes. Das damals mit den Osmanen verbündete Deutsche Reich hatte die Deportationen und Ermordungen – bis zu 1,5 Millionen Armenier kamen ums Leben – gebilligt. 1939 sagte Adolf Hitler: „Wer redet heute noch von den Armeniern?“ Der erste Genozid des vergangenen Jahrhunderts wurde zur Blaupause für den Holocaust. Der wird nirgends ernsthaft angezweifelt, auch nicht die Völkermorde etwa in Ruanda und Kambodscha.

Mit den Armeniern aber ist es anders – bis heute leugnet die türkische Regierung den Genozid, und fast die ganze Welt hält sich diplomatisch zurück. Der Dokumentarfilm thematisiert, ja skandalisiert das eindrucksvoll – und führt etwa die Ermordung des armenisch-türkischen Schriftsteller Hrant Dink 2007 in Istanbul auf diese Leugnungspolitik zurück. Dass sich anschließend hunderttausende Türken mit den Armeniern solidarisierten, wird zugleich als Hinweis darauf gewertet, dass sich in der türkischen Gesellschaft endlich etwas bewegt.

Bis heute ist das Unwissen über den Völkermord an den Armeniern verbreitet. „Ich wusste auch nicht viel über diese Zeit“, gibt die beteiligte Schauspielerin Gedeck zu. „Erschrocken“ zeigt sich Ludwig Trepte, „dass ein solch wichtiger Teil der Geschichte ignoriert wird“. Stellvertretend für den widersprüchlichen Umgang der internationalen Politik kommt Barack Obama zwei Mal ins Bild – noch als US-Senator hatte er sich zum Genozid bekannt, später als US-Präsident bei seinem Türkeibesuch klare Worte vermieden. Dass auch die Bundesregierung mit Rücksicht auf Ankara in der Frage laviert, wird im Film nicht erwähnt.

Und doch: Der Film ist klarer, als die Armenier das gemeinhin erleben. Thomas Schreiber, NDR-Programmbereichsleiter, bittet, die erste Ausstrahlung zu später Stunde „nicht isoliert“ zu betrachten. Zu besserer Zeit wird der Film bei Phoenix wiederholt, er solle später in Programmkinos und bei Arte zu sehen sein. Die Sache werde eine „Eigendynamik entwickeln“. Man will das gern glauben.

„Aghet – Ein Völkermord“, ARD, um 23 Uhr 30; am 13. April um 20 Uhr 15 bei Phoenix mit Diskussion

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