TV-Dokumentation : Der Feind in Honeckers Bett

Kanzlerin Angela Merkel war ebenso FDJ-Mitglied, wie Rammstein-Rocker Christian Lorenz oder Schauspielerin Anja Kling. Sie alle erzählen jetzt in einer spannenden ARD-Dokumentation, was der Staatsjugendverband der DDR für sie bedeutet hat.

Kerstin Decker
FDJ
Küssen erlaubt. Ein FDJ-Pärchen bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten in Ost-Berlin 1973. -Foto: NDR/Progress Filmverleih GmbH

Diese Dokumentation von Lutz Hachmeister und Mathias von der Heide ist ein Ereignis! Und das bei dem Thema: die Geschichte der Freien Deutschen Jugend, des Verbandes also, in dem fast jeder Mitglied war, sofern er in der DDR geboren und erwachsen wurde.

Was ist zu erwarten von „Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“? Fackelzüge und die Bebilderung der These, dass die FDJ eine Art Hitlerjugend der DDR war. Oder zumindest „die Kampfreserve der Partei“. Letzteren Titel hat sie sich schließlich selbst gegeben. Hachmeister erwähnt ihn nicht einmal. Er wagt mehr.

Möglicherweise erkennt man Menschen, die einmal FDJler waren – also die meisten Mitbürger Ost – an einer Merkwürdigkeit ihres Rezeptionsverhaltens. Sie sind kolossal ermüdbar durch alles, was eine Sache nur rahmt, nicht fasst. Denn sie sind in der FDJ mit Sprüchen groß geworden, die vielleicht einmal Wahrheiten waren, oder halbe Wahrheiten, aber schon allein dadurch falsch wurden, dass man sie zu oft wiederholte. In der DDR aufgewachsen zu sein, heißt gelernt zu haben wegzuhören. Und plötzlich hört und sieht man hellwach hin. Die mehr oder minder ergrauten Jugendlichen der Vergangenheit sprechen über den ungeliebten Staatsjugendverband mit einer Eindringlichkeit, ja mit einem Wahrheitssuchertum, als gäbe es hier einen versunkenen Kontinent wiederzuentdecken, dessen Symbol einmal die aufgehende Sonne war.

Die FDJler von damals heißen Andreas Dresen (Regisseur), Christian „Flake“ Lorenz (Feeling B, Rammstein), Klaus Bölling (Regierungssprecher unter Helmut Schmidt), Jan Carpentier (Reporter bei ELF99), Marion Brasch (Funktionärskind und Redakteurin beim DDR-Jugendradio DT 64), Anja Kling (Schauspielerin), Hans Modrow (FDJler der zweiten Stunde) … Obwohl einzeln befragt, beginnen sie sich gegenseitig zu antworten. Das ist die hohe Kunst des Schnitts. Nur Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt bloß, dass sie gern in der FDJ war, ehrlich ist sie, aber diese Auskunft ist auch schon etwas älter.

Dem herkunftsbedingten Nicht-FDJler und Grimme-Preisträger Lutz Hachmeister und seinem Co-Regisseur ist es gelungen, die Geschichte der DDR noch einmal zu erzählen, jenseits aller Klischees.

Dass die FDJ kein Kind der DDR war, sondern schon 1936 in Paris und 1938 in Prag gegründet wurde, mag man wissen. Gemeinsamer Nenner war der antifaschistische Widerstand der linken deutschen Jugend im Exil; die FDJ-Gruppen in Großbritannien unterstützten vor allem jüdische Emigranten. Was bestimmt noch keiner weiß: Kurz nach dem Krieg schliefen die FDJler Erich Honecker und Klaus Bölling eine konspirative Nacht lang in einem sächsischen Ehebett. In der Bundesrepublik hatte die FDJ bis zum Verbot 1951 durch Adenauer etwa 30 000 Mitglieder, meist mit Beschäftigungsverbot belegt.

Damals war die Welt des obersten FDJlers Erich Honecker noch in Ordnung: der „Feind“ auf der einen Seite war so wirklich wie Klaus auf der anderen Seite im Ehebett, ermöglicht durch die unbedingte Solidarität eines Fremden. Vielleicht prägt Menschen nichts so sehr wie ihre frühen Erfahrungen von Gemeinschaft, Schutz und Solidarität. Und genau die wandeln sich.Für die Späteren ist das alles dann nur noch leblose, lächerliche Hülle und seinem äußeren Erscheinungsbild nach militant, wie die Fackelzüge der FDJ. Die Gemeinschaft von Jugendlichen in der späteren DDR bildete sich nicht zuletzt durch gemeinsames Unterlaufen dessen, was der Staat – die FDJ – von einem wollte, nennen wir es: unterlaufendes Befolgen. Man könnte es mit Widerstand verwechseln, aber es war beinahe das Gegenteil, jugendlicher Konformismus: Nur wer dagegen war, gehörte dazu! Natürlich existierten auch seltsame Menschen in Zeitblasen und Paralleluniversen, wie Petra Pau, die mit ihren Jungen Pionieren am letzten Fackelzug der FDJ teilnahm und dann von einem Berliner Taxifahrer stehen gelassen wurde, dem ihr Blauhemd missfiel: Er befördere keine Roten!

Diese Frau mit der ewigen Ausstrahlung einer Pionierleiterin (trotz aller nichtpionierleiterhaften Einsichten) und Christian Lorenz von Rammstein gehören zur selben Generation – aber die Abstände in der Wahrnehmung derselben Wirklichkeit ließen sich durch nichts mehr überbrücken, schon gar nicht durch die FDJ. Vielleicht war die späte, unfreie DDR auf eine gewisse Art noch viel heterogener gewesen als der freie Westen.

Und was ist die Botschaft des Films?, wurde der Regisseur gefragt. Er finde Botschaften furchtbar, hat er geantwortet. Solche Botschaftsunverträglichkeiten verraten gemeinhin den früheren FDJler.

Der Film ist die Botschaft.

„Freundschaft! Die Freie Deutsche Jugend“, ARD, 22 Uhr 45

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