TV-Dokumentation : Gier nach Geld

Mit "We Feed the world" ist Erwin Wagenhofer bereits eine ausgezeichnete Doku über die Massenproduktion von Lebensmitteln gelungen. Nun widmet er sich mit „Let’s Make Money“ den Profiteuren der Globalisierung und ihren Opfern.

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Es sind Sätze, die sitzen, eine Haltung, die Bände spricht: „Ich glaube nicht, dass ein Investor verantwortlich ist für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert. Das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist zu investieren und Geld für seine Klienten zu verdienen“, sagt Mark Mobius, der in Singapur als Präsident der Templeton Emerging Markets fungiert und dort über den weltweit größten Emerging-Markets-Fonds von circa 50 Milliarden Dollar wacht. Mobius befürwortet die Globalisierung, es verwundert nicht weiter.

Nach seinem viel beachteten und vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „We Feed the World“ (2005), in dem es um die industrialisierte und profitorientierte Massenproduktion von Lebensmitteln geht, hat sich der österreichische Regisseur Erwin Wagenhofer, Jahrgang 1961, mit der Doku „Let’s Make Money“, die das Erste am Dienstag zeigt, einer anderen Gier des Menschen zugewandt – jener nach Geld und Profit, und der unablässigen Vermehrung dessen, ganz gleich welche Opfer es mit sich bringt. Die Opfer sind zahlreich: Es sind all die zahllosen Arbeiter in Afrika, Indien oder anderen Teilen der Dritten Welt, die am Tag 50 Cent verdienen, derweil die Mobiusse dieser Welt mit Abermilliarden spielen. Von „Let’s Make Money“ geht so eine unbeschreibliche Beklemmung aus, eine Stimmung der Sprachlosigkeit, des Das-kann-doch-nicht-wahr-seins.

Nach all den vielen Plätzen und Orten, an denen Wagenhofer für diese Langzeit-Doku gedreht hat – in London und Wien, in Washington und Miami Beach, in Indien und Afrika, auf der Insel Jersey und in der Schweiz –, geht es nach Spanien. Und vielleicht stellen die Bilder, die dann gezeigt werden, und das geradezu monströse Denken, welches dahinter steht, das schockierendste Moment des ganzen Films dar. Denn in Spanien ist insbesondere in den letzten fünf Jahren eine sogenannte Immobilien-Blase entstanden, es wurde gebaut und gebaut und gebaut, und dies nicht einmal, um die überhaupt nicht bezugsfertigen, gigantisch-monströsen Wohnanlagen zu vermieten, nein, sie dienten einzig und allein dem Zweck des schnellen und vielen Geldes mit Immobilien-Investments. Ganze Küstenstreifen sind so flächendeckend zubetoniert worden, ganze inländische, kilometerlange und kilometerbreite Flächen.

Jene Bilder, die Wagenhofer aus der Luft einfängt, muten zunächst an wie abstrakte Gemälde oder verfremdete Fotografien. Als die Kamera in einem Wagen durch endlos wirkende Straßenzüge einer Siedlung fährt, deren Häuser allesamt austauschbar aussehen, wähnt man sich für Momente in einem Film von David Lynch, in diesem surrealen Kosmos von „Blue Velvet“. Doch Wagenhofer bildet einzig die krude, nahezu unfassbare Wirklichkeit ab, unverfälscht. In Spanien kann man zusehen, wie der Mensch seinen Lebensraum vollständig zubetoniert, zupflastert. Einem Krebsgeschwür gleich. Und ein Makler spricht dabei davon, es ginge noch mehr, man könne noch mehr Geld damit herausschlagen. Derweil ist die Blase geplatzt, steigt die Arbeitslosigkeit rasant, stehen in Spanien drei Millionen Häuser leer, existieren des Weiteren 800 unbenutzte, lediglich den Wert der Immobilien-Fonds steigernde Golfplätze, deren Bewässerung wiederum 16 Millionen Menschen versorgen könnte.

Der Wahnsinn des modernen Menschen kennt keine Grenzen mehr. Hat man Erwin Wagenhofers herausragenden Dokumentarfilm in seiner ganzen Laufzeit von 105 Minuten gesehen, so könnte man allerspätestens dann den Glauben an die Menschheit verlieren. Absolut sehenswert ist diese ohne jederlei Off-Kommentar auskommende Abhandlung über die Bestie Mensch dennoch – oder gerade deswegen. Thilo Wydra

„Let’s Make Money“, ARD, Dienstag, 27. Juli, 22 Uhr 45

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