TV-Dokumentation : Nach dem Geldrausch: Banker in London

Insider Geraint Anderson gilt den einen als Mahner vor dem Casino-Kapitalismus, den anderen als Nestbeschmutzer. Die Dokumentation "Der große Rausch – Ein Investmentbanker packt aus" erzählt die Geschichte einer der schillernsten Figuren der Finanzwelt.

Thomas Gehringer
Anderson
Geraint Anderson -Foto: WDR

Den Absturz der Finanzmärkte nennt Geraint Anderson „eine Krise von biblischem Ausmaß“. Anderson, 35, hatte daran seinen Anteil: Zwölf Jahre lang war er Börsen-Analyst in London, verdiente zuletzt bei der deutschen Investmentbank Dresdner Kleinwort 800 000 Euro im Jahr. Ein Star der Branche – und ein „Verräter“. Als anonymer „Cityboy“ schrieb er regelmäßig in einer Kolumne für die Zeitung „The Londonpaper“ über die Tricks und das Leben der smarten Geldjongleure am zweitwichtigsten Börsenplatz der Welt nach New York. Anfang 2008 gab Anderson seinen Beruf auf, nicht ohne zuvor noch einmal einen satten Bonus zu kassieren. Auch die Identität des „Cityboys“ wurde enthüllt. Insider Anderson gilt den einen als Mahner vor dem Casino-Kapitalismus, den anderen als Nestbeschmutzer.

Stephan Lamby erzählt Andersons Geschichte in der 45-minütigen Dokumentation „Der große Rausch – Ein Investmentbanker packt aus“. Allerdings wird reichlich wenig „ausgepackt“. Nicht einmal aus den angeblich so entlarvenden „Cityboy“-Kolumnen zitiert Lamby. Lieber interviewt er Anderson selbst, wobei Details über das Treiben der Finanzhändler selten sind. Der ehemalige Analyst prangert neben seinen Kollegen vor allem Hedgefonds-Manager an. Diese würden Gerüchte über eine bevorstehende Pleite von Banken streuen und ihre Aktien verkaufen, bevor der Kurs in den Keller rauscht. Ansonsten erfährt man, dass die Londoner „Cityboys“ 18 Stunden am Tag arbeiten, Kokain schnupfen, nach Feierabend zum Boxtraining in den Ring steigen und ihre Kunden in Striptease-Lokale führen. Bankenvertreter wollten zu all dem lieber keine Stellung nehmen.

Als Porträt einer schillernden Figur aus der Finanzwelt ist Lambys Film aber bemerkenswert. Anderson lebte früher als Hippie in Indien, ehe ihn sein Bruder mit der Aussicht auf das schnelle Geld in Londons Finanz-City lockte. Andersons Vater, Labour-Abgeordneter im Oberhaus des britischen Parlaments, sagt rückblickend über seinen Sohn: „Er hat seine Seele verkauft.“

„Der große Rausch“, 23 Uhr 45, ARD

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