TV-Dokumentation : Sonne statt Reagan

Sandra Maischberger spricht mit Helmut Schmidt im ZDF über Nachrüstung und Friedensbewegung und erinnert an das Lebensgefühl Anfang der 80er Jahre, das von Angst geprägt war.

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Helmut Schmidt zeigt klare Kante. Der mittlerweile 92-Jährige gibt sich gewohnt stoisch, herablassend und stur. Seine „Nachrüstungs“-Politik? „Sie dürfen nicht vergessen, dass das Endergebnis die ganze Sache rechtfertigt.“ Die atomaren Ernstfallübungen im Regierungsbunker? „Das müssen Sie unter der Rubrik Kriminalromane abbuchen.“ Die Prominenten in der Friedensbewegung? „Die hatten alle keinen strategischen Überblick.“ Und Erhard Eppler, der damals als Mitglied des SPD-Bundesvorstands gegen die Politik des Sozialdemokraten Schmidt demonstrierte und nun gerne ein klärendes Gespräch führen würde? „Soll er es versuchen“, sagt Schmidt lächelnd.

Wenn Deutschlands Lieblings-Altkanzler im Fernsehstudio messerscharfe Analysen und blauen Dunst abliefert, sind entweder Reinhold Beckmann oder Sandra Maischberger nicht weit. Diesmal ist es Maischberger, die mit Jan N. Lorenzen in der zweiteiligen ZDF-Dokumentation „Pershing statt Petting“ an den Nato-Doppelbeschluss von 1979 und die Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre erinnert. Und dabei noch einmal das Lebensgefühl dieser Vor-Wendezeit weckt mit der unvermeidlichen Nicole („Ein bisschen Frieden“) und Nena („99 Luftballons“). Neben Schmidt und Eppler kommen in der unterhaltsam geschnittenen Mischung aus Politik und Kultur Friedensbewegte wie Inge Jens und Falken wie der Amerikaner Richard Perle zu Wort.

„Die Grundstimmung war Angst“, erinnert sich BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. Sie brachte schauderhafte Lieder hervor, selbst Joseph Beuys hüpfte herum und sang „Sonne statt Reagan“. Heute, mit der Gewissheit, dass vorerst alles gut gegangen ist, erscheint die damals grassierende Furcht vor einem verheerenden Krieg mitten in Europa seltsam – unbegründet war sie gewiss nicht: In keinem anderen Land waren mehr Atomwaffen stationiert als im geteilten Deutschland.

Die Spannungen zwischen West und Ost wuchsen. Nach der Stationierung von SS20-Raketen in der Sowjetunion, drohte auch die Nato 1979 mit „Nachrüstung“ durch Pershing 2 und Cruise Missiles. Hunderttausende gingen gegen die Logik des Wettrüstens auf die Straßen.

Das Autoren-Duo übertreibt etwas mit dem Zündeln, als wollte es den ängstlichen Zeitgeist mit aller Macht heraufbeschwören. Unverständlich, dass zwar Stasi-General Werner Großmann über die Versuche der DDR Auskunft geben darf, die westdeutsche Friedensbewegung zu beeinflussen, aber die Friedensbewegung in der DDR hier überhaupt keine Rolle spielt. Und hat „die Geschichte“ sich wirklich „selbst korrigiert“, wie Maischberger am Ende unscharf kommentiert? „Die Nachrüstung war nicht so gefährlich, wie ich es geglaubt habe. Und sie war nicht so nötig, wie Helmut Schmidt es geglaubt hat. Jeder hat ein bisschen recht gehabt“, sagt Erhard Eppler versöhnlich. Aber mit „ein bisschen recht haben“ hat es Helmut Schmidt nicht so. Thomas Gehringer

„Pershing statt Petting“, 2. Teil am 9. August, jeweils 22 Uhr 45, ZDF

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