TV-Drama : Angst isst Seele auf

Im ARD-Fernsehfilm „In aller Stille“ wird ein Kind getötet. Polizistin Anja Amberger, gespielt von Nina Kunzendorf, soll den Mord aufklären. Doch sie leidet selbst unter einer traumatischen Erinnerung.

von
Frau im Stress. Die Polizistin Anja Amberger (Nina Kunzendorf, rechts) ist immer sachlich, oft in Eile, fasst sich gern kurz. Sie ist eine alleinerziehende Mutter. Foto: ARD
Frau im Stress. Die Polizistin Anja Amberger (Nina Kunzendorf, rechts) ist immer sachlich, oft in Eile, fasst sich gern kurz. Sie...Foto: BR/Erika Hauri

Irgendwann, da bricht es aus ihr heraus. Da schmettert sie das Glas gegen die Wohnzimmerwand in der elterlichen Villa, weiß sie doch, dass ihre Mutter etwas vor ihr zurückhält. Dass es Geheimnisse gibt. Sie, das ist Anja Amberger (Nina Kunzendorf), Kriminalbeamtin in einer kleinen bayerischen Gemeinde und Mutter von zwei Kindern, der 13-jährigen Tochter Laura und des fünfjährigen Sohnes Tom. Mit Tom gibt es zunehmend Probleme, seitdem Anja und ihr Mann Franz (Michael Fitz) sich getrennt haben. Das setzt dem kleinen Tom zu, zumal er hin- und hergereicht wird und Anja durch ihren Dienst meist sehr angespannt ist. Eines Nachts wird Anja zusammen mit ihrem Kollegen Anton Kirmayer (Maximilian Brückner) von der stets neugierigen Nachbarin Frau Gallus (Johanna Bittenbinder) zur Familie Anik bestellt, habe sie, die Frau Gallus, doch gesehen, wie deren kleiner Sohn Max für zwei Stunden im Vorgarten des Hauses in der Kälte stehen musste.

Anja und Kirmayer begegnen einem sehr verschlossenen Ehepaar. Tage darauf ist der Max weg, verschwunden. Suchtrupps werden eingesetzt, die Gemeinde und das Umland werden durchforstet. In einem Schuppen stößt Kirmayer zufällig auf einen Plastiksack. Darin liegt der tote dreieinhalbjährige Max. Die Obduktion ergibt neben den vielen blauen Flecken mehrere Knochenbrüche und schwere Schädelwunden. Der kleine Max und der kleine Tom, sie gingen in denselben Kinderhort. Anja kannte Frau Anik. Und immer mehr wird Anja auf allen Ebenen auch von ihrer eigenen Geschichte eingeholt.

Es ist das Team des herausragenden Fernsehfilms „Marias letzte Reise“ (2004), das bei „In aller Stille“ erneut zusammengekommen ist: Rainer Kaufmann führt Regie, das Drehbuch hat erneut Ariela Bogenberger geschrieben. Nina Kunzendorf und Michael Fitz spielten in „Marias letzte Reise“ an der Seite der später verstorbenen Monica Bleibtreu. Ein Drama über das Sterben, dem in dieser Form seither kein vergleichbares nachfolgte.

Mit „In aller Stille“ gelingt es den Beteiligten, an das etablierte Niveau anzuknüpfen. Das eindringliche Drama um Kindestötung innerhalb der Familie ist auch eine einfühlsam angelegte Abhandlung über all die Dinge, die zwischen Familienmitgliedern unausgesprochen bleiben und zu lang anhaltenden Traumata führen. Traumata, die zu Ängsten führen. So wie jene, die auch Anja mit sich herumschleppt, und, sobald daran gerüttelt wird, gereizt reagiert, aggressiv wird. Die Angst, sagt Anja einmal zu ihrer Mutter, die sie durch das Elternhaus erfuhr, die sei über all die Jahre geblieben.

Nina Kunzendorf spielt dies ganz wunderbar und glaubwürdig aus. „In aller Stille“ ist eine zutiefst beeindruckende Seelenstudie. Sie enthält Szenen, die trotz aller Dezenz und Behutsamkeit der Inszenierung, trotz aller Indirektheit und Andeutung im Visuellen dennoch kaum zu ertragen sind. „In aller Stille“ gehört zum Besten, was der deutsche Fernsehfilm der letzten Jahre hervorgebracht hat. Ohne den geringsten Zweifel.

„In aller Stille“, ARD, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben