TV-Drama : Mein Sohn, der Islamist

Familie, religiöser Fanatismus, tiefe Entfremdung: Katja Flint in der Rolle einer hilflosen Mutter.

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„Was gibt dir das eigentlich?“ Der Verfassungsschutz observiert den zum Islam konvertierten Sohn (Kostja Ullmann) von Stefanie Schröder (Katja Flint) rund um die Uhr. Foto: NDR
„Was gibt dir das eigentlich?“ Der Verfassungsschutz observiert den zum Islam konvertierten Sohn (Kostja Ullmann) von Stefanie...Foto: NDR/Georges Pauly

Eine Mutter kämpft um ihren Sohn, der der westlichen Gesellschaft abgeschworen hat. Im Jugendalter konvertierte Rainer zum Islam, radikalisierte sich, saß in Israel im Knast und wurde nun nach Deutschland abgeschoben. Er habe dem Dschihad abgeschworen, sagt er, sei aber noch immer ein gläubiger Moslem. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt, der Verfassungsschutz observiert ihn dennoch rund um die Uhr weiter. Umso mehr muss sich die Mutter ins Zeug legen. „Ich tanze nicht nach seiner Pfeife, ich versuche, ihn zu verstehen“, sagt sie zu Rainers jüngerem Bruder. Dem geht dieser ganze „Glaubensquatsch“ tierisch auf die Nerven.

„Ich finde, die Situation zeigt sehr viel vom Integrationswillen, aber auch von den Ängsten gegenüber dem Fremden, die es hierzulande gibt“, sagt Regisseurin Nina Grosse über ihren Film „Der verlorene Sohn“. Die Geschichte spiegele sehr typisch, wie sich unsere Gesellschaft gegenüber dem Islamismus verhalte. „Es stellt sich permanent die Frage: Wie weit kann man gehen mit dem Vertrauen und wo beginnt unser Misstrauen?“

Kann man diesem Rainer denn trauen? Ist er ein nach tieferem Sinn Suchender, oder ist er ein Schläfer in Muttis Schoß? Der Film lebt von dieser Spannung. Bis endgültige Klarheit herrscht, lotet dieser „leise Thriller“ die Familienbeziehungen aus und entwickelt sich zu einem psychologischen Kammerspiel über eine tiefe Entfremdung.

Der renommierte Autor und Jurist Fred Breinersdorfer („Sophie Scholl“) schrieb mit seiner Tochter Leonie-Claire das Drehbuch. Es erweist sich als kluger Schachzug, die Aktivitäten des Verfassungsschutzes und die Beziehungsarbeit in der Familie nicht ständig zu koppeln. Stattdessen bekommt der Zuschauer in zwei, drei Szenen, in denen der Staatsanwalt und der Richter das Wort führen, den gesellschaftspolitischen Rahmen für das Mutter-Sohn-Drama geliefert. Sachlich, kurz und klar schildern diese Szenen die Fakten und machen die Rechtslage deutlich; sie verhindern, dass der privaten Geschichte die Schwere des gesellschaftlichen Problems aufgeladen wird und sie so ihre Glaubwürdigkeit verlieren könnte.

Auf wessen Konto diese dramaturgische Lösung geht, ist nicht leicht auszumachen. Nina Grosse, eine Regisseurin für die emotionalen Zwischentöne, wird bei den Credits eine „Drehbuchbearbeitung“ zugestanden, was ein wenig Ärger einbrachte. An den will sich heute keiner mehr erinnern. Irritierend ist auch, dass der Film über zwei Jahre alt ist. „Das Thema radikaler Islamismus, radikale Konvertiten war damals sehr virulent, weil gerade der Sauerland-Bomber-Prozess begann“, erinnert sich Grosse. „Da wurde zum ersten Mal deutlich, dass es auch normale deutsche Jugendliche sein können, die sich dem Dschihad verschreiben, auch Jugendliche ohne vordergründig erkennbare Problematiken wie Migrationshintergrund, gescheiterte Ehe oder Alkoholismus eines Elternteils.“

Umso unverständlicher ist die verspätete Ausstrahlung. Offenbar gibt es aber eine simple Erklärung: Der Film des NDR lief 2009 auf dem Münchner Filmfest, bekam dort den Produzentenpreis und fiel danach dem Fall der geschassten NDR-Fernsehspielchefin Doris J. Heinze zum Opfer. Erst der seit September 2010 amtierende Fernsehspielchef Christian Granderath machte im NDR den Weg frei für diesen außergewöhnlichen Film.

Die besondere Stärke, die Verzahnung des Familiendramas mit dem politischen Radikalismus, zeigt sich am nachdrücklichsten im Kleinen. Eine Szene zwischen Mutter und Sohn im Mittelteil des Films liefert die Essenz des Dramas in dreieinhalb beeindruckenden Minuten. Rainer lächelt kurz, die Mutter wirbt um Nähe. „Was gibt dir das eigentlich?“ Die Frage wird mit einem genervten Blick beantwortet. Dann wird geredet, es werden Haltungen und Sichtweisen auf die gemeinsame Familiengeschichte ausgetauscht. Man erkennt als Zuschauer, wo der Konflikt seinen Ursprung hat und man bekommt ihn schmerzlich zu spüren. „Euer Leben ist hohl und verdorben“ – was lässt sich da noch viel diskutieren?

Katja Flint und Kostja Ullmann umspielen nicht nur in dieser Szene „Urgefühle“ wie Liebe und Ekel, Trauer und Wut, Zweifel und Ohnmacht. Katja Flints Körper, ihr Gesicht sind Projektionsfläche der emotionalen Geschichte. Ihr Spiel beeindruckt durch eine tiefe Wahrhaftigkeit. Und bei Kostja Ullmann überrascht die große Konzentration, die Ruhe, mit der er seinen deutschen Moslem spielt. Die Reduktion auf die Zeichen der Beziehung, die schwelende Aggression zwischen den Brüdern, der Zusammenprall von westlicher Spaßkultur und toleranzlosem Fundamentalismus, die Käfigsituation im Reihenhaus, die zunehmende Distanz, aber auch „das graue, merkwürdig unbehauste Hannover-Deutschland“, wie es Nina Grosse nennt – das alles macht aus „Der verlorene Sohn“ auch noch vier Jahre nach den Sauerland-Bombern einen wichtigen, sehr nachhaltigen Fernsehfilm.

„Der verlorene Sohn“, ARD, 20 Uhr 15

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