TV-Duell : Der Lena-Faktor

"Wetten, dass...?" hält mit "DSDS" Schritt. Das Fernduell gegen Dieter Bohlen entscheidet Thomas Gottschalk mit seiner nur halb angezogenen Co-Moderatorin Michelle Hunziker klar für sich - und dann gibt es ja noch Lena.

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Zwischen U und E: Lena Meyer-Landrut (links) verschaffte „Wetten, dass ...?“ deutlich mehr jüngere Zuschauer. Opernstar Anna Netrebko ist ohnehin ZDF-kompatibel. Foto: ZDF
Zwischen U und E: Lena Meyer-Landrut (links) verschaffte „Wetten, dass ...?“ deutlich mehr jüngere Zuschauer. Opernstar Anna...Foto: Carmen Sauerbrei

Die „Scorpions“ sind Thomas Gottschalk näher. Nach ihrem Auftritt in der „Wetten, dass ...?“-Show vom Samstagabend in Salzburg scherzte der Moderator mit Frontsänger Klaus Meine über die Abschiedstour der Band. Lange habe er geglaubt, dass man zeitgleich abtreten werde, sagte Gottschalk und kam damit den immer wiederkehrenden Forderungen zuvor, dass es auch für ihn langsam an der Zeit wäre, sich von „Wetten, dass ...?“ zu verabschieden.

An der Quote lässt sich diese Forderung nach diesem Wochenende auch nicht festmachen. Das Fernduell gegen Dieter Bohlens „Deutschland sucht den Superstar“ entschied Gottschalk mit seiner nur halb angezogenen Co-Moderatorin Michelle Hunziker klar für sich. „Wetten, dass ...?“ erreichte 9,61 Millionen Zuschauer (Marktanteil 31,6 Prozent). Bei RTL saßen 5,9 Millionen Menschen vor dem Fernseher (Marktanteil: 18,7 Prozent). RTL sieht sich gleichwohl als Gewinner: 29,3 Prozent der 14- bis 49-Jährigen (3,7 Millionen) sahen nach Angaben des Senders die Castingshow. Damit sei die Show beim jungen Publikum die meistgesehene Sendung des Abends gewesen, teilte RTL am Sonntag mit.

Was der Privatsender freilich verschweigt: Die ZDF-Konkurrenz kam in der nämlichen Zielgruppe auf 3,15 Millionen Zuschauer. Lena Meyer-Landrut einzuladen, die als „Unser Star für Oslo“ zum European Song Contest reisen wird, war ein gelungener Coup für „Wetten, dass ...?“. Der Lena-Faktor ist mittlerweile so groß im deutschen Fernsehen, dass das junge Publikum inklusive Eltern und Großeltern dorthin wandert, wo das bürgerliche Gegenmodell zum RTL-„Migrantenstadl“ auftaucht.

Was aber machte Gottschalk aus dieser Chance? Er hat sie glatt verstolpert. Mit ihr wie mit den übrigen Gästen ging er bei weitem nicht so lässig und locker um wie mit den „Scorpions“. Bei Lena Meyer-Landrut, der ebenfalls aus Hannover stammenden Sängerin, trat der Generationenkonflikt deutlich zutage. Während Lena bei der „Generalprobe“ ihres Stückes „Satellite“ für Oslo sichtlich mit den Tücken des hautengen Partykleides zu kämpfen hatte, fehlten Gottschalk im Umgang mit ihr und „Onkel Stefan“ – wie Gottschalk Stefan Raab nannte – die richtigen Worte. Am Ende reichte es gerade für ein „Bleib so, mein Kind“. Wer je wissen wollte, warum das ZDF – wie das gesamte öffentlich-rechtliche Fernsehen – beim jungen und jugendlichen Publikum als No-Go-TV verschrien ist, der weiß es jetzt. Dieser Opa-Ton, mehr hilflos als arrogant, muss die Generation zwischen „Abgeblitzt“ und „Porno“ vom Gebührenfernsehen weg und hin zu den kommerziellen Angeboten treiben.

Für Raabs Fähigkeit, musikalische Talente aufzuspüren, fand Gottschalk viele warme Worte. Bei der Auswahl der Wetten war Gottschalk weniger zimperlich. Ist es möglich, am Geschmack, der Farbe und der Konsistenz des Wurstwassers auf den Markennamen der Knackwurst zu kommen? Der Kandidat probierte wacker Glas um Glas, während sich beim Zuschauer alles zusammenzog. Den Metzgerssohn Raab hierzu zum Wettpaten zu machen, hatte schon ein gewisses Geschmäckle. Tatsächlich löste der Kandidat die selbst gestellte Aufgabe, so dass Raab zum Akkordeon „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“ singen durfte. Raab trug’s mit Fassung und Unterstützung des Saalpublikums. Das ansonsten viel gepflegte Langeweile ertragen musste, da die Gesprächen immer dann endeten, wenn sie spannend zu werden versprachen.

Ist „DSDS“ in seiner siebten Staffel aber spannender als „Wetten, dass ...?“ im 30. Sendejahr? Die RTL-Castingshow hat sich auf ein Rezept versteift. Mehrheitlich prekäre Biografien suchen bei Bohlen & Co. einen Fluchtpunkt, eine Wende im Leben. Menowin ist der Prototyp, vorbestraft, drei Kinder mit der Cousine, von der er getrennt lebt. Und wenn der „Top-Act“ nicht Menowin heißt, dann heißt er Helmut Orosz, schnupft Kokain und wird von RTL mit Empörung aus der Resozialisierungs-Maßnahme entlassen.

„DSDS“ ist nicht am Ende, das nicht, trotzdem werden die RTL-Leute das Erfolgsmodell auffrischen müssen. Wetten, dass sie auf den alle überraschenden Lena-Faktor kommen werden? Wie sich die Gutsituierte, das gute Elternhaus gegen das Prekariat und dessen Sprösslinge behaupten kann, das ist die Frage der Fernsehstunde. Das wäre Integration aus der anderen Richtung. Fliegen die Fetzen, wird gespalten, wo versöhnt werden soll? Die Furcht davor hieße, die Generation Casting zu unterschätzen. Die will singen, nicht schlägern.

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