TV-Duelle : Keine Experimente

Bürger als „Betroffene“, die Kanzlerin als Kummerkasten – warum das Fernsehen im Wahlkampf wenig Neues bietet

Bernd Gäbler
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Kann Kanzler. Der Brandenburger Schüler Jacob Schrot (3. von links) wurde am Freitag von den Jury-Mitgliedern Günther Jauch...

Fast verkrampft versuchte das ZDF der genretypisch hochstaplerisch „Ich kann Kanzler“ genannten Castingshow die Unterhaltung auszutreiben und die Parade der allzu strebsamen Nachwuchspolitiker als ernsthaftes Politikangebot an die Jugend zu verkaufen. Am Ende siegte im Live-Finale am Freitag mit dem 18-jährigen Brandenburger Schüler Jacob Schrot ein sozialpolitisch engagierter CDUler vor einem familienpolitisch engagierten SPD-Bundestagsreferenten – eine große Koalition in Turnschuhen. An der Jugend ging das harmlose TV-Experiment weitgehend vorbei. Von den rund 2,8 Millionen Zuschauern (Marktanteil 11,5 Prozent) waren nur 620 000 unter 50 Jahre. Mit Politik hatte die Sendung allerdings auch nicht viel zu tun, sichtbar wurde aber, welche stets konstruktiv-engagierte Jugend sich das ZDF wünscht.

Diese Show war aber nur der Auftakt für eine Reihe von Fernsehsendungen, die in den nächsten hundert Tagen bis zur Bundestagswahl irgendwie mit Politik zu tun haben sollen, Neues bieten wollen und dennoch unausgegoren wirken. Die ARD will Spitzenpolitiker aller Parteien auf „Termine vor Ort“ begleiten und auf ihre Alltagstauglichkeit hin prüfen. „Abgeordnet – der Politiker-Praxistest“ heißt das Format, in dem Brigitta Weber als Moderatorin unter anderem Gregor Gysi (Die Linke), Renate Künast (Bündnis 90 /Die Grünen) oder Wolfgang Bosbach (CDU) begleiten wird.

„Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft“, mit diesem konstruierten Gegensatz bewirbt Frank Plasberg regelmäßig seine Sendung „Hart aber fair“. Tatsächlich trifft die Politik natürlich nur auf das Fernsehen. Aber das Fernsehen ist sich selbst nicht mehr genug. Dem ihm eigenen Angebot von Wort (Interview, Talkshow) und Bild (Portraitfilm) traut es nicht mehr. Es will mehr sein als es ist. Es will unbedingt und immer perfekter Realität simulieren. Die Folgen sind kurios.

Sichtbar wurde dies bereits in der ersten, soeben abgeschlossenen Runde eines TV-Wahlkampfes, der so nur noch nicht heißen durfte. In dessen Verlauf stellte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im RTL-Studio, das zur „Townhall“ umdeklariert worden war, dem Volk und war Sologast bei Maybrit Illner. SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier gab bei „Anne Will“ als Solist den Stoiker, nachdem er sich gemeinsam mit Gattin Elke Büdenbender bei „Kerner“ als pflegeleichter Mitmensch eingeführt hatte.

Schon diese Runden zeigten, dass es kaum noch möglich ist, ruhig und gesittet beispielsweise über Strategien gegen die Arbeitslosigkeit zu streiten. Sofort kommt ein „Betroffener“ daher – liebend gerne sucht das Fernsehen dafür alleinerziehende Kassiererinnen oder technisch versierte Facharbeiter aus – mit denen der verantwortliche Politiker umgehend „konfrontiert“ wird. Die Redaktion hält die Daumen, dass der Ausgesuchte sympathisch wirkt und seinen „Fall“ zügig darlegen kann. Einkalkuliert ist eine asymmetrische Interaktion: Wie wird der Politiker reagieren? Kann er sich in die Lebenssituation hineinversetzen? Wirkt er arrogant oder zugewandt, herablassend oder jovial? Bei RTL fragte Angela Merkel nach, empfahl einem jungen Mann eine Ausbildung, einer Lehman-Geschädigten einen Prozess. Die Kanzlerin profilierte sich als Kummerkasten der Nation.

Nach RTL will nun auch die ARD unbedingt noch zwei angeblich besonders bürgernahe „Townhall-Meetings“ jeweils mit Merkel und Steinmeier veranstalten. Mehr Volk im Studio führt aber nicht automatisch zu mehr Demokratie – sondern in der Regel bei journalistischer Selbstaufgabe zu weniger Politik. Politik ist ja auch Abstraktion vom Einzelfall. Den aber stellt das Fernsehen ins Zentrum. „Ich habe da so zwei, drei Ideen, was Rostock angeht ...“, teilte Frank-Walter Steinmeier bei „Anne Will“ dem arbeitslosen Wilfried Löbel aus Bad Doberan mit. Da wird der Politiker zum Helfer. Er vermittelt einen Arbeitsplatz. Der Betroffene war gerührt.

Maybrit Illner wiederum ließ als Gegenpart zur Kanzlerin einen ebenso eloquenten wie hartnäckigen Kämpfer für Familiengerechtigkeit als „Betroffenen“auflaufen. Die Sozialabgaben seien ungerecht verteilt, begründete er detailbesessen und ließ sich nicht abschütteln. Der Dialog rutschte ab in ein Spezialseminar. Das ist auch nicht gewollt. Die Moderatorin hatte Mühe, zum normalen Fernsehen zurückzulenken. Wofür aber auch dieser Betroffene sorgte: So wie das Medium selbst den Zuschauer passiv hält, wird der Bürger beim Aufmarsch der „Betroffenen“ nie bei der Eigenverantwortung gepackt, sondern stets als Opfer inszeniert.

Auch 2009 wird der Medienwahlkampf vornehmlich in der TV-Arena ausgetragen. Zwar schauen die Macher, Strategen und Kritiker reflexartig gen Amerika und auf den charistmatischen Barack Obama, wenn heute von Medien und Politik die Rede ist, aber dort waren Obama und „change“ eins geworden. Mit dem Neuen in der Politik kam auch die Mobilisierung mittels neuer Medien. Bei uns ist es völlig anders. Die Bürger wollen Sicherheit, vernünftiges, ja vorsichtiges Regieren. Das alte Adenauer-Versprechen: „Keine Experimente!“ könnte ein Revival feiern. Auch wenn die Avantgardisten es gerne anders sehen würden; wir werden 2009 nicht den ersten deutschen Internetwahlkampf erleben, sondern vor allem wieder „Bild, BamS und Glotze“.

Da gab die erste Runde schon Fingerzeige. Der wichtigste: die realpolitisch-taktische Konstellation zwingt die Politiker zur Lüge. Die reale Alternative lautet: Fortsetzung der großen Koalition oder eine Mehrheit für Schwarz-Gelb? Alles andere: rot-rot-grüne Lagerbildung oder Ampeln und Schwampeln sind als bundespolitische Optionen irreal. Daraus resultiert ein großer Kanzlerbonus, denn Angela Merkel hat auch im Falle eines mäßigen Abschneidens einen komfortablen Hinterausgang ins Amt offen. Sie muss aber so tun, als wolle sie unbedingt die große Koalition beenden. Schwarz-Gelb verhindern und weiter mitregieren – so lautet das einzig realistische Ziel der SPD. Um es zu erreichen, muss Frank-Walter Steinmeier aber so tun, als habe er wirklich das Zeug und den Machtdrang zum Kanzler. Bei „Kerner“ wirkte er wie ein spröder, aber freundlicher Nachbar mit einer netten Ehefrau. Bei „Anne Will“ dagegen war Steinmeier schon beleidigt, wenn sie nur fragte, wie er denn Mehrheiten gewinnen wolle und auf welche gesellschaftlichen Kräfte er sich stütze. Tritt der ewige Vorzimmerstratege Frank-Walter Steinmeier aber mit polarisierenden Attacken oder populären Machtattitüden aus seiner defensiven Rolle heraus, nehmen wir durch das Fernsehen wahr, dass da etwas nicht stimmt.

Der Aufklärungswert des Fernsehens mag gering sein. Als Prüfinstrument für stringente Argumentation, klares Denken, analytische Fähigkeiten oder Gestaltungskompetenz taugt dieses Medium kaum, aber es zeigt unstimmige Simulationen und persönliche Schwächen wie unter der Lupe. Wir sehen die Autoritäten schwitzen und auf ihren Sesseln hin- und herrutschen. Wir spüren, ob sie wirklich oder demonstrativ gut gelaunt (Westerwelle) sind, sich kämpferisch geben (Lafontaine) oder gelassen sind (zu Guttenberg). Das Fernsehen will polarisieren, darüber kann eine Mitte verloren gehen, die fast alle Politiker eigentlich besetzen wollen.

Das werden sie uns bis zum Wahltag inflationär vorführen: in Einzelinterviews und vielen Talkrunden, mit dem mittlerweile obligaten „Duell“ (noch ist unklar, ob einfach oder in doppelter Ausführung) am Ende. Als Fachgespräch zweier wenig charismatischer Politiker könnte es sogar von politologischem Interesse sein. Als TV-Show wird „Merkel vs. Steinmeier“ aber vermutlich so spannend werden wie ein Boxkampf unter Valium.

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