TV-Endspiel : Batus Totentanz

Mehmet Kurtulus verabschiedet sich als verdeckter Ermittler in Hamburg – mit einem atemberaubenden Finale.

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Rau und sanft. Mehmet Kurtulus hat als Cenk Batu die Statur und das Auftreten, um glaubhaft die gefährlichsten Undercover-Einsätze durchzustehen. Aber genauso nimmt man ihm in den leisen Szenen wie hier mit Gloria (Anna Bederke) den Liebhaber ab.Foto: NDR
Rau und sanft. Mehmet Kurtulus hat als Cenk Batu die Statur und das Auftreten, um glaubhaft die gefährlichsten Undercover-Einsätze...Foto: NDR

Einer wie Cenk Batu tritt nicht einfach so ab. Er reicht nicht die Kündigung ein, sagt: „Tschüss“, und das war’s dann. Er flattert auch nicht davon, wie einst Schimanski mit einem Drachenflieger, nur um sechs Jahre später wieder aufzutauchen. Nein, sein Abschied ist ein fernsehuntypisch mutiges Filmspektakel, so wie der von Mehmet Kurtulus verkörperte Batu ein „Tatort“-untypischer Undercover-Ermittler war. Das kurze Fernsehleben des Hamburger Deutschtürken endet in „Die Ballade von Cenk und Valerie“ mit einem irren Totentanz.

Batu allein gegen alle: Die Pistole am Kopf des Bundeskanzlers, um das Leben seiner Frau zu retten. Umringt von einem Sondereinsatzkommando, live gesendet im Fernsehen. Aus der Ferne gelenkt von einer kranken, gestörten Profikillerin. Missbraucht für den ebenso kranken Wetteinsatz einer Horde junger Finanzmarkt-Händler. Regie-Könner Matthias Glasner („KDD“, „Der freie Wille“) geht aufs Ganze. Mit Zeitsprüngen, Todesvisionen, Comic-artigen Szenen. Und mit Corinna Harfouch als eine Art Todesautomat und Batus letzte Gegenspielerin. Valerie, die Killerin, ist hochintelligent, autistisch und erträgt keine Berührung. Nicht einmal von ihrem Sohn, gespielt von Jonas Nay, dem für seine Hauptrolle in „Homevideo“ mit Preisen überschütteten 21 Jahre jungen Lübecker. Es ist das letzte Aufgebot für Cenk Batu in diesem atemberaubenden finalen Akt.

Rückblende: Im Oktober 2008 wird Cenk Batu das erste Mal vom NDR losgeschickt. In seiner Premiere „Auf der Sonnenseite“ geht es um organisiertes Verbrechen. Batu gewinnt das Vertrauen eines kriminellen türkischen Gemüsegroßhändlers – und bringt dabei noch einen anderen Gauner zur Strecke. Einen, der Türken in Deutschland in die alte Heimat lockt und beim Immobilienkauf über den Tisch zieht. Kein überraschendes Thema für einen, der großartig als „erster türkischstämmiger Ermittler in der ,Tatort-Geschichte‘“ beworben wird.

Mehmet Kurtulus, 1972 in der Türkei geboren und im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gezogen, reagiert in Interviews genervt. Er wäre lieber einfach als neuer Hamburger „Tatort“-Kommissar vorgestellt worden. Keineswegs sehe er sich nun als „Galionsfigur der deutschtürkischen Gesellschaft“. Tatsächlich tritt seine Herkunft in den Hintergrund und spielt noch einmal eine nennenswerte Rolle, als er in „Der Weg ins Paradies“ ein Selbstmordattentat islamistischer Terroristen verhindert. Dennoch tanzt dieser „Tatort“ aus der Reihe. Bis zuletzt. Es gibt keinen Leichenfund zu Beginn. Keine endlosen Verhör- und Erklärszenen im Büro. Keinen angestrengten Sozialtouch. Stattdessen: Ein Kommissar ohne Schreibtisch, zuletzt ohne Wohnung, immer unterwegs, unglückliche Frauengeschichten und Fernschach mit dem Baba statt Familienleben. Tempo, viele Schnitte, überwiegend Außendrehs. Kein gemütliches Sortieren der Welt in Gut und Böse.

Für so viel Ungewohntes beim sonntäglichen „Tatort“-Ritual gab’s die Quittung: Keine der bisher ausgestrahlten fünf Folgen erreichte acht Millionen Zuschauer. Die Batu-Krimis bilden damit das Schlusslicht in der Rangliste der deutschen „Tatort“-Teams, auch wenn sie mit Marktanteilen zwischen 17,9 und 20,6 Prozent deutlich über ARD-Zuschauerschnitt lagen. Der NDR hätte gerne mit ihm weitergearbeitet, sagte Fernsehfilm-Chef Christian Granderath. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, zumal man sich mit Nachfolger Til Schweiger auf die quotensichere Seite begeben hat. Kurtulus selbst bekräftigt, er brauche als Schauspieler das Risiko und wolle sich nun wieder anderen Projekten widmen.

Es ist ein bitterer Verlust für den „Tatort“, der – abgesehen vom Frankfurter Team (Krol, Kunzenberg) und den Spaßvögeln aus Münster (Prahl, Liefers) – viel vom Immergleichen bereithält. Batu war der zeitgemäße Schimanski, ein getriebener, manchmal wütender Einzelgänger, der einen fabelhaften inneren Kompass zu besitzen schien. Kurtulus hat die physische Präsenz, um sich in der Abschiedsfolge glaubhaft bis zum Bundeskanzler (Kai Wiesinger) durchzukämpfen. So wie man ihm auch in den leisen, intimen Szenen mit Gloria (Anna Bederke) den sanften Liebhaber abnimmt. Allerdings war Batu weniger verwurzelt wie der im proletarischen Milieu beheimatete Schimanski. Und die Welt, in den 1980ern noch in ein klares Oben und Unten geteilt, ist unübersichtlicher geworden. In eine der sonderbarsten Szenen gibt Autor und Regisseur Glasner den jungen Börsenhändlern Saures: Coole, sexy Typen sind das, die Milliarden scheffeln und den Rest der Welt verhöhnen.

Halt boten bei den Batu-Filmen vor allem die Treffen mit Führungsoffizier Uwe Kohnau. Intensive Szenen waren das zwischen Kurtulus und Peter Jordan, dessen zwangsläufiger Abschied als Batus Sidekick ebenfalls ausgesprochen schade ist. Was für ein Finale.

„Tatort: Die Ballade von Cenk und Valerie“, ARD, 20 Uhr 15

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