TV-Event : Die deutsche Titanic

Und wer hat das verursacht? RTL zeigt am Sonntag und Montag die Katastrophe des Luftschiffs „Hindenburg“ als dreistündigen Hollywood-Thriller.

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Zehn Millionen Euro hat der RTL-Film gekostet. Nach der Explosion am 6. Mai 1937 hielt sich die „Hindenburg“ noch eine halbe Minute in der Luft, dann sank der 247 Meter lange Gigant in Lakehurst nahe New York brennend zu Boden. Foto: RTL
Zehn Millionen Euro hat der RTL-Film gekostet. Nach der Explosion am 6. Mai 1937 hielt sich die „Hindenburg“ noch eine halbe...

Für Barbara Thielen, beim Kölner Privatsender RTL für die großen Eventfilme zuständig, ist die „Hindenburg“ nichts weniger als die „Titanic der Lüfte“, quasi die deutsche Titanic. Das passt. Allein von der Größe ist der Zeppelin LZ 129 mit dem Schiffsgiganten vergleichbar. Aber auch als Film hat „Hindenburg“ ein Vorbild: James Camerons „Titanic“ mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet.

Das Bild der Katastrophe, als die „Hindenburg“ nach ihrem Transatlantikflug von Frankfurt am Main nach New York am 6. Mai 1937 in einer riesigen Wasserstoffexplosion zerstört wurde, ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Von den 97 Personen an Bord starben 35 in den Flammen. Und wie Camerons „Titanic“ handelt auch diese „Hindenburg“-Verfilmung von einer anrührenden Liebesgeschichte, diesmal von zwei Menschen, deren Länder später zu erbitterten Kriegsfeinden werden. Nun aber kämpfen die beiden gemeinsam gegen einen Komplott aus Habgier und Politik. Hollywood-verdächtig ist auch der Aufwand. Zumindest für TV-Verhältnisse sind zehn Millionen Euro Produktionskosten beachtlich.

Genauso beachtlich wie die detailgetreuen Nachbauten von Panoramadeck und Passagierkabinen, von Frachträumen und langen Gängen durch das fliegende Ungetüm. Einen Eindruck der immensen Dimensionen vermittelt die Gondel des Schiffsführers mit ihrer Länge von zehn Metern und der Höhe von fünf Metern. Für die Aufnahmen wurde die fünf Tonnen schwere Gondel mitsamt Darsteller an einem Kran in die Höhe gezogen. An einigen Stellen musste die historische Genauigkeit allerdings hinter filmischen Notwendigkeiten zurückstecken. Außenkabinen gab es erst im Nachfolgeschiff LZ130. Zum Fliegen gebracht hat die „Hindenburg“ erst die Postproduktion. Sie sorgte für die schwindelerregenden Momente, zum Beispiel, als die „Hindenburg“ aus der großen Halle auf das Flugfeld gezogen wird und zum ersten Mal in ihrer vollen Größe zu sehen ist.

Dabei macht es der Zeppelin LZ 129 den Machern der Berliner Produktionsfirma Teamworx schwer, dem filmischen Vergleich mit „Titanic“ dramaturgisch gerecht zu werden. Eine der größten Schwierigkeiten: Die „Titanic“ sinkt nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg erst nach über einer Stunde. Viel Zeit also für große Emotionen. Die „Hindenburg“ geht hingegen in wenigen Minuten in Flammen auf. Diesen Moment des Schreckens fängt die RTL-Produktion (Regie: Philipp Kadelbach) zwar in bewegender Form auf, mitsamt der fassungslosen Radioreportage vom Flugfeld, viel Zeit für ausführliche Nahaufnahmen bleibt aber nicht.

Bemerkenswert ist auch das Aufgebot an großartigen Schauspielern. Im Mittelpunkt stehen der Luftschiffkonstrukteur Merten Kröger (Maximilian Simonischek) und die selbstbewusste Industriellentochter Jennifer van Zandt (Lauren Lee Smith). Gemeinsam versuchen sie, eine an Bord befindliche Bombe zu finden und unschädlich zu machen. Jennifers Vater (Stacy Keach) steht einem großen amerikanischen Öl-Konzern vor und könnte dafür sorgen, dass Amerika das Helium-Embargo für die deutsche Luftschifffahrt beendet. Das würde zugleich sein angeschlagenes Unternehmen vor dem Bankrott retten – mit ein Grund, warum Ehefrau Helen (Greta Scacchi) den Amerikaner bei seinen Geschäftsplänen mit den Nazis unterstützt.

Hugo Eckener (Heiner Lauterbach), Aufsichtsratschef der Zeppelin-Reederei, geht es ohnehin weniger um Politik als um die Zukunft der Luftschifffahrt. Bevor es zur Katastrophe kommt, erzählt der Film (Buch: Johannes W. Betz und Martin Pristl) noch eine Reihe anderer Geschichten. Vom Zwist zwischen dem auf die Sicherheit seines Schiffes bedachten Kapitän Pruss (Jürgen Schornagel) und dem Vertreter des Schiffseigners (Ulrich Noethen), der auf eine publicityträchtige schnelle Passage drängt. Von Hannes Jaenicke als Varietékünstler, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Oder von Wotan Wilke Möhring als Luftwaffen-Pilot, der sich in eine verheiratete Frau (Christiane Paul) verguckt, nicht wissend, dass diese sich zusammen mit ihrer jüdischen Familie auf der Flucht vor den Nazis nach Argentinien befindet.

Teamworx hat bereits mehrere historische TV-Events produziert, darunter „Der Tunnel“, „Die Flucht“ und „Dresden“ mit Felicitas Woll als Krankenschwester, die sich um einen abgeschossenen britischen Piloten mit einem Bauchschuss kümmert. Eine Liebesszene im Krankensaal führte damals zu einigem Spott. Daraus gelernt hat man nichts. In „Hindenburg“ wäscht sich Merten Kröger eine halbstündige Gestapo-Folter am Handwaschbecken ab, bevor es zur unvermeidlichen Annäherung an Jennifer van Zandt kommt. Vielleicht soll das aber auch eine Art Kunstgriff sein, um die Zuschauer noch einmal daran zu erinnern, dass es sich bei dem Eventfilm eben nicht um eine Dokumentation mit historisch verbürgtem Inhalt handelt.

Das gilt auch für die Ursachen, die zu dem Unglück führten. Der Film verquickt dabei die beiden gängigen Theorien: Offiziell wurde eine Verkettung unglücklicher Umstände in Zusammenhang mit einem Gewitter über Lakehurst angenommen, aber auch die Sabotage-Theorie konnte nicht ausgeräumt werden.

Am historischen Ereignis schrammt die „Hindenburg“ vorbei. Die Katastrophe ist vor allem der Anlass für eine außergewöhnliche TV-Anstrengung. Im Ergebnis ist „Hindenburg“ ein packender Thriller vor historischer Kulisse, in dem längst nicht jedes Ende feststeht.

„Hindenburg“, Sonntag und Montag 20 Uhr 15, RTL. Am Sonntag um 22 Uhr folgt die Dokumentation „Die letzten Stunden der Hindenburg“

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