TV-Event : Zum Abschluss das Abendland retten

Noch einmal Edelmut und Tapferkeit, Machtgier und Intrigen: Mit „Das Vermächtnis der Wanderhure“ endet die erfolgreiche Mittelalter-Trilogie mit Alexandra Neldel.

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Angekettet: Marie (Alexandra Neldel) bringt im Verlies ihrer Widersacherin einen Sohn zur Welt. Foto: Sat 1
Angekettet: Marie (Alexandra Neldel) bringt im Verlies ihrer Widersacherin einen Sohn zur Welt. Foto: Sat 1

Was hat sie alles durchlitten, die Marie Adler, geborene Schärer, die Fernseh-Deutschland vor allem als die Wanderhure kennt. Weil sie den gemeinen Grafensohn nicht heiraten wollte, wurde sie vergewaltigt und verstoßen. Vor zwei Jahren erlebten die Sat-1-Zuschauer, wie Alexandra Neldel in der Rolle der einst behüteten Kaufmannstochter zur Prostituierten wider Willen wurde, bevor sie sich am Ende des ersten Teils des Mittelalter-Märchens an ihren Peinigern rächen konnte. Und auch im vergangenen Jahr, in „Die Rache der Wanderhure“, war das Leben von Marie, nun Ehefrau von Burgvogt Michel (Bert Tischendorf), ein einziger Kampf. Am kommenden Dienstag nun strahlt Sat 1 mit „Das Vermächtnis der Wanderhure“ den dritten und letzten Teil der Reihe aus.

Dabei hat das Schriftstellerehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath unter dem Pseudonym Iny Lorentz die Wanderhuren-Reihe bereits auf insgesamt sechs Romane erweitert. Die Verfilmung der Romanreihe sei jedoch von vornherein als Trilogie angelegt gewesen, begründete der Privatsender Maries vorzeitigen Ruhestand. Dabei hatten den ersten Teil zehn Millionen Zuschauer – das war jeder dritte in der werberelevanten Zielgruppe – eingeschaltet. Die Fortsetzung „Die Rache der Wanderhure“ war 2011 mit acht Millionen Zuschauern ebenfalls ein Hit. Je nach Quote des dritten Teils könnte man sich somit auch bei Sat 1 an den Bond-Slogan „Sag niemals nie“ erinnert fühlen.

Doch erst einmal kommt es nun zum furiosen Finale. Maries Gemahl Michel schwört dem König vor versammelter Tafelrunde Treue bis in den Tod und wird zum Ritter geschlagen. Die hochschwangere Marie erkennt jedoch, dass am Hofe nur Hochmut und Falschheit regieren, sie will zurück nach Hohenstein, zur Not auch ohne Michel, der an der Seite von König Sigismund gegen die Tataren kämpfen will. Die „Goldene Horde“ fordert nichts weniger als die Herausgabe von Ungarn. Doch der König muss sich nicht nur gegen Feinde von außen verteidigen, sein alter Widersacher Falko von Hettenheim und dessen nicht minder intrigante Ehefrau Hulda machen gemeinsame Sache mit den Tataren. Als Mätresse des Königs schmiedet Hulda ganz eigene Pläne. Sie lässt Marie entführen, angekettet gebiert sie im Verlies von Burg Hettenheim ihren Sohn, der ihr sodann von Hulda genommen wird. Ihre Widersacherin gibt den Jungen als ihr eigenes Kind und als rechtmäßigen Thronfolger aus. Mit Hilfe von Andrej, dem Ziehsohn des Tatarenfürsten Terbent Khan, will sie fortan als Königsmutter herrschen. Marie wird währenddessen von Andrej als Sklavin im Harem der Tataren gefangen gehalten. Der einzige Weg, die Verschwörung ihrer Rivalin Hulda zu vereiteln, ihren Sohn und ihre Familie jemals wiederzusehen und einen alles vernichtenden Mongolensturm zu verhindern, führt einzig und allein über Andrejs Gunst.

Als Begründer der modernen Mittelalter-Faszination gilt Umberto Eco, der dem historischen Roman mit „Der Name der Rose“ neues Leben eingehaucht hatte. Epische Romane wie Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ wurden zu Bestsellern, Kinofilme wie „Braveheart“, „Königreich der Himmel“ oder „Die Päpstin“ und TV-Produktionen wie „Die Nibelungen“, „Die Borgias“ oder eben die „Wanderhure“ zeigten, dass man die Geschichte des Mittelalters auf sehr moderne Weise erzählen kann. Bei Sat 1 läuft übrigens Anfang Dezember Ken Folletts „Die Tore der Welt“ als opulenter Vierteiler.

Für die Faszination dieser Epoche gibt es mehrere Erklärungen. Das Mittelalter ist uns gleichermaßen nah und fern. Burgen und Schlösser prägen vielerorts das Landschaftsbild. Kerker und Kemenaten lassen sich besichtigen, beim Anblick von Lanzen, Streitäxten und Morgensternen kann einem immer noch angst und bange werden. Hinzu kommt die Sehnsucht nach Entschleunigung. Botschaften wurden damals von Boten überbracht und nicht von Smartphones, die ständige Aufmerksamkeit fordern. Karren und Kutschen rasten noch nicht im Affentempo über sechsspurige Autobahnen. Und noch wichtiger: Gut und Böse sind in den Romanen und Filmen gut unterscheidbar.

Davon profitiert in „Das Vermächtnis der Wanderhure“ vor allem Julie Engelbrecht, die die dankbare Aufgabe nutzt, die intrigante Hulda von Hettenheim darzustellen. Die blonde Schönheit reizt die Macht an der Seite der Herrschenden und vor allem weiß sie, ihre Reize auszuspielen. In zwei Bettszenen darf sie sich von ihrer unverhüllten Seite zeigen. Ihr Liebhaber Sigismund (Götz Otto) wirkt jedoch nicht nur in dieser Situation wie die Karikatur eines Königs. Gelungen ist hingegen eine andere Figur. Michael Steinocher spielt Andrej, den Ziehsohn des Tatarenfürsten Terbent Khan. Andrejs Eltern wurden ermordet, nun will er die Tataren in die Schlacht gegen Sigismund führen und Rache nehmen.

Edelmut und Tapferkeit, Machtgier und Intrigen, Burgen, Ritterrüstungen, bunte Gewänder und mongolische Haremsdamen, Sex and Crime – für das Drehbuch hat Carolin Hecht die interessantesten Szenen der Romanvorlage extrahiert. Worin das Vermächtnis der Wanderhure nun wirklich besteht, das erfährt der Zuschauer in diesem Sat-1-Film von Regisseur Thomas Nennstiel nicht.

„Das Vermächtnis der Wanderhure“, Sat 1, Dienstag 20 Uhr 15

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