Medien : TV-Film: Die Mall als ideale Stadt

Sie haben für Ihren neuen Film Shopping-Malls

Harun Farocki lebt in Berlin. Er gehörte zu den Zulieferern der dokumenta X, einige seiner Filme zeigte kürzlich das New Yorker Museum of Modern Art. Neustes Werk: "Die Schöpfer der Einkaufswelten". Um 23 Uhr in der ARD.

Sie haben für Ihren neuen Film Shopping-Malls bereist: in den USA, in Österreich, im Münsterland. Sie haben mit Ihrer Kamera Treffen von Architekten und Bauherrn dieser Einkaufszentren aufgezeichnet. In Europa wirken ihre Gespräche ziemlich ungenau, als würden sie im Café sitzen und Meinungen austauschen. Anders in den USA. Dort analysiert man computergestützt den Blick eines Kunden in einem Einkaufszentrum, um das Angebot effektiver zu präsentieren. Gibt es zwischen Europa und USA diesen Unterschied, Plauderton hier, Objektivierung dort?

Ich glaube nicht. Es gibt Lehrbücher, wie Malls aussehen müssen. Darin werden die wesentlichen Funktionen beschrieben. Welchen Weg muss der Kunde nehmen? Wann kommt eine weitere Attraktion, die seine Aufmerksamkeit fesselt? Warum gibt es in Malls immer einen Raum, der sich öffnet, wie ein Pantheon, wie eine Verbindung von Himmel und Erde? Wie erreicht man es, dass die Leute in den zweiten Stock gehen? Andererseits klingt das auch oft so, als würde jemand seine Wohnung einrichten: Die Kommode ist aber schöner in der Ecke ... Das ist in den USA genauso, also banal.

Die Mall ist das Zeichen des Konsumkapitalismus, so wie der Industriebetrieb Zeichen der Fabrikgesellschaft war. Man kann den Film als Recherche verstehen, ob es so etwas wie den Taylorismus, also die wissenschaftliche Zurichtung des Körpers in der Fabrik, auch für den Konsumenten gibt. Gibt es einen Taylorismus der Wahrnehmung?

So nicht. Produktion und Distribution sind extrem verwissenschaftlicht, doch in dem dritten Bereich, in der Konsumption, ist vieles vage. Es gibt dauernd neue Moden, dann baut jeder eine Zeit lang in einem Stil, aber ob man so mehr verkauft, weiß niemand. Richtig funktioniert die Optimierung nur auf der untersten Ebene: beim Supermarktregal. Da gibt es, wie der Film zeigt, die meisten Dogmen. Zum Beispiel: Der Blick geht von links nach rechts, deshalb müssen rechts immer die teureren Waren stehen. Da beginnt etwas, das man mit der Ergonomie in einem Betrieb vergleichen könnte.

Das Sprechen vieler Akteure wirkt oft unscharf, redundant sowieso. Liegt das daran, dass sie von Bildern ausgehen, dass aber der wirkliche Raum stets etwas anderes ist?

Das Bauwerk wird fast zu einem Bild gemacht und diese Betonung des Visuellen und die Vernachlässigung des tatsächlichen Raums passt nicht zum Architekten, eher zum Designer. Am besten wären die Malls also nicht aus Beton, sondern aus Pappmaché - oder noch besser: virtuell. Denn man will eigentlich etwas Informatisches herstellen, hat aber noch mit wirklicher Baumasse zu tun. Das ist ein Widerspruch. Interessant war der Auftritt der Architekten in Münster, wo eine große Mall der Sparkasse entstehen soll. Keiner von ihnen - das waren die bekanntesten deutschen Mall-Architekten - sprach davon, wie effektiv ihr Entwurf Kunden anzieht, alle redeten darüber, welche architektonische Botschaft es hat. Erstaunlich, dass sie ihren Auftraggebern nicht nach dem Mund redeten. Vielleicht können sie es nicht, weil sie zu sehr Architekten sind.

Sind die Malls Weiterentwicklungen der Warenhäuser des 19. Jahrhunderts?

Sie versuchen eher wie Passagen zu sein. Sie sollen eine ideale Stadt sein. Auch in Venedig kann man ja zur Post gehen und dann läuft man drei Minuten lang an irgendeiner Mauer lang. So sind gewachsene Städte, Abwechslungen von Attraktion und Nicht-Attraktion. Die Mall versucht das zu revidieren. Idealstadt heißt auch: kein Schmutz, keine Armen, kein Angst vor Kriminalität. Dafür eine inszenierte Öffentlichkeit mit Boulevards, die sehen und gesehen werden imaginieren. Manche Malls integrieren historische Bausubstanz, die wie Reliquien ausgestellt wird. So wird versucht, den Anschein von Geschichte zu erwecken.

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