TV-Film : Rette mich!

Viel Gefühl: Senta Berger versucht sich in einem ARD-Degeto-Film am heiklen Genre Melodram.

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Als wär’s ein Stück von Fassbinder. Annika (Sandra Borgmann, Mitte) und ihr autistischer Bruder Henrik (Thure Lindhardt) verabschieden sich von ihrer Mutter Pernille (Senta Berger). Foto: ARD
Als wär’s ein Stück von Fassbinder. Annika (Sandra Borgmann, Mitte) und ihr autistischer Bruder Henrik (Thure Lindhardt)...Foto: ARD Degeto/Hardy Spitz

Nach dem ästhetischen Offenbarungseid, den die ARD am vergangenen Freitag mit der Winzerschmonzette „Sommerlicht“ ablegte, konnte es nur besser werden. Dass mit „Das Ende der Eiszeit“ heute ein Highlight aus der Geldvernichtungsmaschine Degeto auf dem Programm steht, ließ sich im Vorfeld erahnen – ging doch „Liebe am Fjord“ im vergangenen Jahr vielversprechend an den Start. Für den dritten Film der Melodram-Reihe hat Studio Hamburg sogar Senta Berger, Sandra Borgmann und den Dänen Thure Lindhardt verpflichtet, drei Schauspieler, die sich eher selten unter Wert verkaufen.

Das Drehbuch schrieb Martin Rauhaus, der in jedem Genre den richtigen Ton trifft – im Kunstfilm („Winterreise“), im Event-Zweiteiler („Die Luftbrücke“), in der Komödie mit tragischer Note („Ein starker Abgang“) oder in der Serie („Dr. Molly und Karl“). Und nun also im Melodram, dem Genre, das es bei der Fernsehkritik schwer hat. Ein Grund dafür ist die ignorante Art, mit der ARD und ZDF in den letzten Jahren dieses Genre mit großer deutscher Tradition – Sirk, Käutner, Fassbinder – heruntergewirtschaftet haben. Ein anderer Grund: Gefühle sind nicht die Stärke der Fernsehkritik.

Annika Sörenbrandt, Mitte 30, hat ihre Mutter Pernille mit elf Jahren das letzte Mal gesehen. Sie verstand damals nicht, weshalb die Mutter so dringend wieder nach Fjaerland musste, und sie weiß bis heute nicht, weshalb sie nie Kontakt zu ihr aufgenommen hat. Das Resultat ist eine tiefe Verletzung. Die Trennung der Eltern und das seltsame Verhalten der Mutter haben mit Annikas jüngerem Bruder zu tun: Henrik leidet unter einer seltenen Form von Autismus.

Seine Mutter war 30 Jahre für ihn da. Ein Unfall im Haus stört plötzlich das liebevolle Arrangement. Die Zeit scheint gekommen für das titelgebende Ende der Eiszeit. Die narrative Konstruktion des Films sollte man nicht an Alltagslogik oder Wahrscheinlichkeiten messen. Der wesentliche Sinn eines Melodrams ist Mitgefühl. Dem Film von Jörg Grünler gelingt es aber, mehr zu sein als bloßer Gefühlsgenerator. Die Landschaft spiegelt nicht nur genregemäß das Innenleben der wackeren Sörenbrandts, Melo-Versteher Grünler zeigt zugleich auch, was die Landschaft oder das gläserne Ambiente Oslos mit den Figuren macht.

Das Melodram ist eine Kunst, die immer ein wenig mit dem Kitsch liebäugelt. „Das Ende der Eiszeit“ ist weitgehend frei von solchen Momenten. Das Drama ist dem Autor Rauhaus näher als die Seifenoper, an der sich viele der anderen Produktionen des Genres orientieren. Sucht Regisseur Grünler in diesem Kammerspiel mit Landschaft die leisen Botschaften in den Bildern, vertraut der Autor auf das Wort in Form konzentrierter Zwiegespräche. Keine schiefen Dialoge, keine Fremdschämsituationen – dafür Senta Berger in einer ganz eigenen Rolle, milde, ohne die angefressene Schnippigkeit, die ihre Kriminalrätin Prohacek häufig an den Tag legt. Mag mancher diese Geschichte für ausgedacht halten – wie Berger ihre Pernille spielt, das berührt zutiefst. Überzeugend auch Sandra Borgmann und Thure Lindthardt: sie mit beiläufigen Alltagston, er im autistischen Stakkato und offenen Fragen auf dem Gesicht. Dass der Film im Bücherdorf Fjaerland spielt und auch die Geschichte davon profitiert, ist ein weiteres Beispiel für die exzellente Drehbucharbeit.

„Das Ende der Eiszeit“,

20 Uhr 15, ARD

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