TV-Fußball : Italienische Lösung

Klima unter Tifosi vergiftet: Die Rai wollte beim Fußball auf Zeitlupen verzichten – und zeigt sie doch.

Dominik Straub
Angeheizte Tifosi. Umstrittene Szenen wie beim Spiel AC Mailand gegen Lecce am Sonntag, sollen im italienischen Staatsfernsehen nicht mehr wiederholt werden.
Angeheizte Tifosi. Umstrittene Szenen wie beim Spiel AC Mailand gegen Lecce am Sonntag, sollen im italienischen Staatsfernsehen...Foto: Imago

Es hat nur wenige Minuten gedauert, bis die neue hausinterne Regelung zum ersten Mal auf die Probe gestellt wurde: In der siebten Spielminute der Partie AC Florenz gegen SSC Napoli zum Auftakt der neuen Serie-A-Saison köpfte der für Neapel spielende Uruguayer Cavani den Ball an die Lattenunterkante, von wo aus er neben dem Torhüter auf den Boden knallte.

Doch wo genau landete der Ball? Vor, auf oder hinter der Torlinie? Die Szene erinnerte stark an das nicht gegebene Tor Frank Lampards beim WM-Spiel England gegen Deutschland. Die Zeitlupe hatte in diesem Fall gezeigt, dass der Ball fast einen halben Meter hinter der Torlinie aufgesprungen war und somit hätte zählen müssen. Endlose Diskussionen um die Kompetenz der WM-Schiedsrichter waren die Folge. Bei Cavanis Kopfball entschied der Schiedsrichter auf Tor – und lag dabei genau so falsch wie sein Kollege im WM-Klassiker. Die Zeitlupe belegte, dass der Ball auf und nicht hinter die Torlinie geflogen war. Gemäß den neuen Regeln hätte die Rai die Szene eigentlich nicht als Wiederholung zeigen dürfen, jedenfalls nicht in Zeitlupe. In ihrer zweieinhalb Stunden dauernden Sportschau „Domenica Sportiva“ am Sonntagabend war das vermeintliche Tor dennoch mehrfach zu sehen. Auch bei anderen umstrittenen Szenen wie einem fraglichen Elfmeter im Spiel Sampdoria Genua gegen Lazio Rom brachte der Staatssender Wiederholungen, wenn auch in der Regel nicht in Zeitlupe.

Eigentlich will die Rai mit der neuen Saison weitgehend auf das Zeigen von Zeitlupenwiederholungen nach umstrittenen Schiedsrichterentscheiden verzichten. Mit der Selbstbeschränkung möchte der Sender Polemiken und Aggressionen gegen Schiedsrichter entgegenwirken. Trotz der bereits am ersten Tag der neuen, zeitlupenlosen Ära erfolgten Ausnahmen spricht Rai-Sportdirektor Eugenio De Paoli von einer „Kulturrevolution“ auf seinem Sender.

In der Tat hat sich „Domenica Sportiva“ wieder sehr viel mehr mit dem Spiel als Ganzem und weniger mit Einzelszenen beschäftigt. Mit dem Kurswechsel will der Staatssender ein „Zeichen gegen eine Fußball-Berichterstattung setzen, die auf das Herauspicken von umstrittenen Details setzt, die nur dazu dienen, Streitereien im Studio anzuzetteln und das Klima unter den Tifosi zu vergiften“, betont De Paoli. Dem vor allem von den Privatsendern gepflegten „Sensations- und Emotionsfernsehen“ will Rai vermehrt wieder erzählende und analysierende Berichterstattung entgegensetzen.

Die Schiedsrichter, die nicht selten als Sündenböcke für Niederlagen herhalten müssen, haben die neue Senderphilosophie begrüßt. Ihr Präsident Marcello Nicchi sprach im Studio von „Domenica Sportiva“ von einer „kopernikanischen Wende“ und erinnerte daran, dass seine Leute allein in der vergangenen Saison über 600 Aggressionen durch Spieler oder Fans erlitten hätten – Übergriffe, die in mehreren Fällen in einer Notfallaufnahme geendet hätten. „Die Zeitlupenwiederholungen sind zwar wichtig, wir benutzen sie für unsere Analysen und für die Fortbildung ebenfalls“, betont Nicchi: „Aber die endlosen öffentlichen Diskussionen um wenige Zentimeter, also um nichts, sind für uns verheerend.“

Positiv bewertet wird die neue Regelung auf Rai auch vom Vizepräsidenten des italienischen olympischen Komitees, Luca Pancalli. „Ich bin zwar für den Einsatz von technologischen Hilfsmitteln, aber nicht, wenn sie bloß dazu dienen, Polemiken unter den Tifosi anzuheizen, wie es im Fernsehen oft geschieht.“ Kritik kam noch am ehesten von den Tifosi: „Auf die Zeitlupe zu verzichten ist, als wollte man die Stadien statt mit der Flutlichtanlage wieder mit Kerzen beleuchten“, hieß es auf einer Fan-Website.

Die Wirkung der Rai-Selbstbeschränkung dürfte eher eine symbolische sein. Die Konkurrenz – der Privatsender Mediaset von Regierungschef Silvio Berlusconi sowie der Pay-TV-Sender Sky Italia – wird sich bezüglich Zeitlupenwiederholungen auch in Zukunft nicht in Zurückhaltung üben. Im Gegenteil: Sky Italia hat soeben einen Dienst eingeführt, der es den Abonnenten sogar erlaubt, eigene Do-it-yourself-Zeitlupen zu erstellen. Vor allem aber zeigt Rai die Spiele im Unterschied zu Mediaset und Sky nicht live und in voller Länge, sondern bloß als späte Abendzusammenfassung. Also dann, wenn wegen der Zeitlupenwiederholungen der Konkurrenz die Frage „Elfmeter oder nicht?“ längst entschieden – und die Polemik in vollem Gange ist.

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