TV-Gewalt braucht Verantwortung : Jugendschutz ist total cool

Joachim Huber akzeptiert, dass der "Tatort: Franziska" am Sonntag auf 22 Uhr verschoben wird. Weil dieser "Tatort" mehr "Wallander" ist als "Tatort".

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Kapitulieren wäre ganz leicht. Einfach mal die Realität anerkennen, dass die Jugendschutzgrenze im Fernsehen, festgelegt auf 22 Uhr, eine Chimäre ist. Selbstverständlich werden sich auch Jugendliche unter 16 Jahren den verschobenen „Tatort: Franziska“ anschauen. Weiß denn einer ganz genau zu bestimmen, was jugendgefährdende Gewalt ist? Ist im Internet nicht alles an Brutalität rund um die Uhr verfügbar?

Wer kann in den Medienzeiten des anything goes ernsthaft dem Jugendschutz das Wort reden? Jeder. Jeder, der das will, der kann das auch. Das Fernsehen gibt wie das Kino oder die Game-Produzenten mit Altersfreigaben Hinweise auf Grenzen der Zumutbarkeiten. Das ist Expertenarbeit, die Ergebnisse sind geprüft, abgewogen, alles andere als leichtfertig ausgestellt. Und sie werden von der Zielgruppe sofort in Zweifel gezogen. Einem 14- oder 15-Jährigem klarzumachen, dass er nicht sehen soll, was ein 16-Jähriger sehen darf, ist in der Lebenspraxis ein heroischer Akt. Und total uncool. Und total erwachsen, und total nicht erwachsen, weil der Erwachsene sowieso nicht weiß, was der 14- oder 15-Jährige schon alles weiß.

Jugendschützer und solche, die sich an deren Empfehlungen halten, machen sich wenig Freunde. Auch nicht bei denen, die von der Verschiebung einer Sendung betroffen sind. Die große, die ganz große „Tatort“-Quote wird um 20 Uhr 15 und nicht um 22 Uhr abgeholt. Statt Belohung gibt es Bestrafung. Wird an diesem Sonntag nicht der bessere Krimi um 22 Uhr gezeigt, umgekehrt der schwächere schon um 20 Uhr 15?

Jugendschutz ist kein Qualitätsstempel. Sonst wäre die skandinavische Krimiware, die allesamt am späten Abend platziert wird, zweite Wahl. Ist sie nicht, sie ist nur entschieden anders als der „Tatort“, der bei aller Krimi-Orientierung doch auch familientauglich sein will. Ein „Wallander“ und ein „Tatort“ sind Stoff vom selben Stoff und doch zwei inhaltlich wie ästhetisch grundlegend unterschiedliche Erzählungen. Wenn ein „Tatort“ wie „Franziska“ in die „Wallander“-Sphäre wechselt, bleibt das großartiges Fernsehen. Für den Sonntagabend nach 22 Uhr.

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