TV-Kabarett : Einer, der es ernst meint

Seine Wut war und bleibt wichtig: Georg Schramm verlässt am Dienstag das ZDF-Kabarett "Neues aus der Anstalt".

Peter Ensikat
Die beste Rolle oder die zweitbeste? Bei Georg Schramm ist es egal, ob er wie hier als Rentner Lothar Dombrowski oder als Oberstleutnant Sanftleben auftritt, wichtig ist nur, dass Georg Schramm drinsteckt.
Die beste Rolle oder die zweitbeste? Bei Georg Schramm ist es egal, ob er wie hier als Rentner Lothar Dombrowski oder als...Foto: ZDF/Astrid Schmidhuber

Was Georg Schramm von den meisten seiner Kabarettkollegen in unserer Spaßgesellschaft unterscheidet, das ist: Er meint es ernst. Seine Pointen kommen nicht aus Calau. Ob wir über das, was er uns zumutet, lachen können, scheint ihm gleichgültig zu sein. Er ist par excellence das, was Kurt Tucholsky einen „beleidigten Idealisten“ genannt hat. Auch was Gerhart Polt mit Recht von sich behauptet, trifft auf Schramm zu: Er ist nicht aktuell, er ist akut. Er hält uns keinen Spiegel vor, er ist der Spiegel, sei es als wütend nachtragender Rentner Lothar Dombrowski, als gänzlich unzeitgemäßer Sozialdemokrat August oder als ganz und gar nicht sanfter Oberstleutnant Sanftleben.

Schramm plaudert nicht, kommt nicht vom Hundertsten ins Tausendste, er kommt immer direkt zur bösen Sache. Sein Standpunkt kommt nicht aus einer höheren Warte. Ironischer Abstand ist seine Sache nicht. Ich gestehe, dass ich mich schon manchmal gefragt habe, ob das noch Satire ist, was er in der „Fernseh-Anstalt“ oder, noch schärfer in seinen Soloprogrammen, zur Sprache bringt. Nein, lustig finde ich ihn nicht, aber ich bin immer wieder froh, dass da einer zu Ende denkt, wovor die meisten von uns zurückschrecken, dass er aus seiner Empörung über herrschende Verhältnisse kein Hehl macht. Er weiß natürlich auch, dass er an diesen Verhältnissen nichts ändert. Aber er will wenigstens gesagt haben, was gesagt werden muss über Zustände, mit deren Unabänderlichkeit sich andere achselzuckend abfinden oder allenfalls zynische Witze machen. Er ist das Gegenteil von Harald Schmidt.

Ein Schelm wie sein durchaus ebenbürtiger Anstaltskollege Urban Priol ist er auch nicht. Ihre Gegensätzlichkeit macht beide zusammen erst groß. Mir fällt keiner ein, der von heute auf morgen einen von beiden in der „Anstalt“ ersetzen könnte. Aber das will nicht heißen, dass es keinen gibt. Da man im Fernsehen fast immer dieselben Gesichter sieht, glaubt man leicht, es gäbe gar keine anderen. Die Medien tun sich schwer mit Unbekannten, weil sie keine Quotenbringer sind. Und den meisten von uns bleibt unbekannt, wer nicht über die Medien kommt. Dass ausgerechnet einer wie Schramm es zu solcher Popularität gebracht hat – und das auch noch im ZDF – lässt mich altmodischen Satirefreund hoffen, dass es auch andere schaffen werden. Wer ihn in früheren Kabarettsendungen des SFB, im „Satirefest“ gesehen hat, weiß, wie harmlos verbindlich er einmal angefangen hat, und wie lange es gedauert hat, bis er zu dem wurde, was er heute ist. Dass er mir einmal so böse aus dem Herzen sprechen würde, habe ich damals nicht geahnt.

Die alte Kästner-Frage: „Wo bleibt das Positive?“ prallt an Schramm einfach ab. Für ihn wie für Priol gibt es „keinen Grund zur Beruhigung“, wie Dieter Hildebrandt es mal genannt hat. Um die Namen Tucholsky, Kästner, Polt und Hildebrandt kommt man nicht herum, wenn man heute von Satirikern spricht, die diesen Namen noch verdienen. Schließlich ist auch kein Schramm vom Himmel gefallen wie die Abiturientin Lena aus Hannover. Schramm kommt aus einer Tradition, die älter ist, als die meisten Kabarettkritiker oder Fernsehleute ahnen. Dass er jetzt aus der „Anstalt“ aussteigt, ist zwar schade, aber es könnte auch eine Chance sein für andere, von deren Talent wir heute noch gar nichts wissen. Dass Urban Priol einen neuen Partner braucht, der durch die Sendung führt, hat er selbst verkündet. Ich wünsche ihm viel Erfolg und dem ZDF erst mal Geduld bei der Suche nach dem oder der „Neuen aus der Anstalt“.

„Neues aus der Anstalt“, 22 Uhr 15, ZDF

Peter Ensikat, 69, ist Kabarettist, von 1999 bis 2004 war er künstlerischer Leiter der Berliner „Distel“, heute arbeitet er als Autor. 2008 veröffentlichte er das Buch „Populäre DDR-Irrtümer“

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