Medien : TV-Kabelnetz: Herr der Kabel

Bernd Hops

Gleichzeitig telefonieren, chatten, im Internet surfen und "Verbotene Liebe" gucken. Oder die Bratpfanne, die auf dem Bildschirm gerade angepriesen wird, per Druck auf die Fernbedienung gleich bestellen. Das soll bald möglich sein - versprechen die neuen Besitzer der deutschen TV-Kabelnetze. Milliardensummen haben die Liberty Media Corp. und die Callahan-Gruppe für 93 Prozent des Telekom-Kabels in den vergangenen Monaten auf den Tisch gelegt, weitere Milliarden werden sie in die Modernisierung investieren. Das Netz wird durch die Digitalisierung und mit einem so genannten Rückkanal von einem einspurigen Feldweg zur gut ausgebauten Autobahn, bei der die Kunden nicht nur - wie bisher - Programme empfangen, sondern selber Daten schicken können. Ob nun per E-Mail oder Telefon.

Dem Ex-Monopolisten Telekom droht dadurch in seinem Kerngeschäft zusätzliche Konkurrenz, sobald die größtenteils veralteten Netze ausgebaut und modernisiert sind. Telekom-Sprecher Hans Ehnert gibt sich allerdings gelassen: Zwar müsse sein Unternehmen mit Konkurrenzangeboten der neuen Kabelbetreiber rechnen. Aber das sei von Anfang an klar gewesen. Und Angst vor dem Wettbewerb habe man nicht.

Die angebliche Furchtlosigkeit wird jetzt einem Praxistest unterzogen. Seit kurzem ist im Frankfurter Westend das neue Kabel-TV-Zeitalter angebrochen. Über das bisherige Angebot von 33 analogen Fernsehsendern und 40 Radioprogrammen hinaus gebe es gut ein Dutzend Themenprogramme, sagt Alexandra Jordans, Sprecherin der Iesy GmbH. Iesy ist aus der regionalen hessischen Kabelgesellschaft der Telekom hervorgegangen, die im August 2000 von einem internationalen Konsortium zum größten Teil übernommen wurde. Die Telekom hält noch gut ein Drittel der Anteile. Bis Ende 2004 soll die Netz-Modernisierung abgeschlossen sein. Kosten: 1,5 Milliarden Mark. Neue Programme für Iesy-Kunden liefern unter anderem Eurosport mit einem eigenen Nachrichtenkanal und MTV. Für diese Programme zahle Iesy an die Sender eine Gebühr pro Kunde, so dass Werbung bei deren Finanzierung kaum eine Rolle spiele. "Schließlich ist das eine Art Bezahlfernsehen." Für den, der daran kein Interesse habe, ändere sich nichts, versichtert Jordans - das gilt auch für den Preis: "Was die Leute heute zahlen, daran werden wir nicht rütteln."

Einige hundert Haushalte hat Iesy für das erweiterte Angebot schon gewonnen. Die haben jetzt nicht nur mehr TV-Programme, sondern können auch bestimmte Internetseiten über den Fernsehschirm aufrufen oder chatten. Die Schaltzentrale für die neuen Dienste ist ein Decoder. Über dieses Gerät können auch Computer mit dem Kabelnetz verbunden werden - für einen schnellen Internetzugang, der bis zu 16-fache ISDN-Geschwindigkeit erreicht und "always on", immer am Netz, ist. Die Preise sind moderat: Das teuerste Internet-Paket kostet laut Jordans 60 Mark. Und zum Ende des Jahres soll es möglich sein, das Telefon an den Decoder anzuschließen und über das Kabelnetz zu telefonieren.

Hundert Kanäle für NRW

Über eine Lizenz für solche Dienstleistungen verfügt Iesy bereits. Und technisch sei die Einführung der so genannten IP-Telefonie ebenfalls kein Problem, versichert Jordans. Die nötigen Geräte gebe es bereits. Dabei räumt sie ein: "Weder in den USA noch in Asien wird die Technik bisher flächendeckend angewendet, sondern im Moment nur in einigen Pilotprojekten."

In Nordrhein-Westfalen können die ersten Haushalte ab September das Kabelnetz für die neuen Dienste nutzen. Der US-Investor Callahan will über seine Tochterfirma Kabel NRW das Netz bis Ende 2003 komplett digitalisieren und die Zahl der angeschlossenen Haushalte bis Ende 2004 von derzeit 4,2 Millionen auf fünf steigern. Neun Milliarden Mark stehen dafür sowie für die Entwicklung neuer Dienste bereit, sagt Kabel NRW-Sprecherin Tina Schulte. Zudem werde Callahan etwa drei Milliarden in den nächsten Jahren in die baden-württembergische Kabel-Gesellschaft investieren.

Kernbereich des Angebots bleibt das Fernsehen. Schulte erklärt: "Durch die Digitalisierung steigt die Zahl der TV-Kanäle auf über 100." Dies schaffe Platz für Spartenkanäle oder ausländische Programme. Mit einer Reihe von Produzenten stehe Kabel NRW bereits in Verhandlungen. Der Furcht vor Preiserhöhungen tritt Schulte entgegen: "Das bestehende Angebot wird bleiben, und zwar bei gleichen Kosten. Nur wer mehr will - zusätzliche Programme oder Internet -, der zahlt mehr."

Problematisch für die neuen Herren der TV-Kabel ist allerdings: Auch wenn ihnen die regionalen Kabelgesellschaften gehören, haben sie oft nicht den direkten Zugang zum Endkunden. Denn darüber verfügen häufig weitere Unternehmen, wie die Tele Columbus, eine Tochter der Deutschen Bank. "Callahan würde Tele Columbus gerne kaufen. Die Verhandlungen sind aber noch nicht weit gediehen", sagt Schulte.

Die große Unbekannte auf dem deutschen Kabel-TV-Markt ist der US-Medienkonzern Liberty. Dessen Chef John Malone pflegt das Image eines Kabel-Rambos. Er ist an einer ganzen Reihe von Unternehmen in den USA, in Europa und Asien beteiligt, darunter AOL Time Warner oder der größte US-Shopping-Sender QVC. Nun ist er Besitzer aller regionalen deutschen Kabelgesellschaften - mit Ausnahme von NRW, Baden-Württemberg und Hessen. Bisher hat Malone noch nicht erklärt, was er genau mit seiner neuesten Erwerbung anfangen will. Immerhin kündigte Liberty-Vorstandschef Dob Bennent kürzlich an, sein Unternehmen werde jährlich etwa 500 Millionen Mark in den Netz-Ausbau stecken. Also wesentlich weniger als zum Beispiel Callahan. Dabei hat er auf einen Schlag mehr Kunden in Deutschland als seine Mitbewerber zusammen - fast zehn Millionen Haushalte. Malone könnte in seinem Netz vor allem Medieninhalte von Unternehmen anbieten, an denen er beteiligt ist. Die noch unklaren Absichten von Liberty haben bereits die öffentlich-rechtlichen und privaten TV-Sender auf den Plan gerufen: In einer gemeinsamen Initiative haben sie die neuen Betreiber des Kabelnetzes in Deutschland zu Verhandlungen über Rahmenbedingungen aufgefordert. Sie hätten "größtes Interesse an einem technologisch einheitlichen Kabelmarkt in Deutschland".

Doch es besteht kaum Gefahr, dass Malone und die übrigen Kabel-Betreiber die weniger zuschauerträchtigen öffentlich-rechtlichen Sender ohne weiteres durch kommerzielle in ihren Netzen ersetzen könnten. Es gibt eine ganze Reihe von Kanälen, zu deren Einspeisung die Netzbetreiber verpflichtet sind, sagt Martin Gebrande, Geschäftsführer der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien. Die öffentlich-rechtlichen und lokalen Sender stünden nicht zur Dispositon, höchstens bei der Frage, auf welchem Programmplatz sie auftauchen. Das gilt auch im Prinzip für das digitale Fernsehen der Zukunft, bei dem bundeseinheitlich der Pflichtbereich festgelegt wird. Nur dass mit der Modernisierung die Zahl der potenziellen Kanäle - und somit der Freiraum der Betreiber für eigene Projekte wächst. Falls die noch zwischen Chatten, E-Mailen und Telefonieren auffallen.

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