TV-Karriere : Aus dem Kiosk in die "Tagesschau"

Linda Zervakis hat ein Ziel: erste Sprecherin der 20-Uhr-Nachrichten mit Migrationshintergrund zu werden.

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Griechische Wurzeln. Ihr Werdegang ist ein bisschen bemerkenswerter als der von anderen Kollegen. Aufgewachsen ist Linda Zervakis in Harburg, im Süden Hamburgs, mit seiner hohen Ausländer- und Arbeitslosenquote der Gegenentwurf zum feinen Eppendorf.
Griechische Wurzeln. Ihr Werdegang ist ein bisschen bemerkenswerter als der von anderen Kollegen. Aufgewachsen ist Linda Zervakis...Foto: NDR

Als Jugendliche träumte Linda Zervakis davon, beim Fernsehen zu arbeiten. Aber es fehlte ihr das Selbstvertrauen, das man braucht, um einen Traum konsequent zu verfolgen, außerdem gab es schon genug Menschen, die irgendwas mit Medien machen wollten. Was hätte ausgerechnet Linda Zervakis dafür prädestiniert? Und überhaupt: Wie hätte sie das anstellen sollen? Fragen, auf die sie keine Antworten wusste. Deshalb fing sie nach dem Abitur zunächst bei einer Werbeagentur an. Nicht unbedingt der direkte Weg zum Fernsehen, aber immerhin ein Weg.

16 Jahre und einige andere Wege, Umwege später sitzt Linda Zervakis in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes. Sie ist „Tagesschau“-Sprecherin, und wenn alles gut geht, wird man sie vielleicht bald in der Hauptausgabe um 20 Uhr sehen können. Die erste Hürde hat die 35-Jährige vor vier Wochen genommen: Sie gab ihren Einstand bei den „Tagesthemen“, an der Seite von Moderatorin Caren Miosga präsentierte sie den Nachrichtenblock. Wer diese Bewährungsprobe fehlerfrei besteht, der ist nicht mehr weit entfernt vom großen 20-Uhr-Auftritt. Linda Zervakis hat bei der Premiere nicht gepatzt.

Diese Tatsache ist insofern bedeutsam, als dass sie die erste Sprecherin der 20-Uhr-Nachrichten mit ausländischen Wurzeln werden könnte. Sie selbst mag auf ihre griechische Herkunft nicht reduziert werden, auch wenn sie gerne über ihre Eltern spricht, die in den 60er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. „Ich fände es schade, wenn ich zu einer Vorzeigemigrantin der ARD werden würde“, sagt sie. Gut möglich, dass ihre Herkunft ein Trumpf ist. Wahrscheinlicher ist, dass Zervakis durch Professionalität und Ausstrahlung überzeugt.

Beim Treffen im Büro ihrer Berliner Managementagentur erkennt man in der dunkelhaarigen Frau nur schwer die Nachrichtensprecherin vom Bildschirm. Für das Gespräch ist sie aus ihrer Heimatstadt Hamburg angereist. In den engen Jeans und dem cremeweißen Oberteil wirkt sie schmaler und jugendlicher als im Fernsehen – ein alter Zaubertrick des Mediums. Im Gespräch fahren ihre langen Finger gestikulierend durch die Luft. Als wären sie froh, sich mal nicht an einem Manuskript festhalten zu müssen. Ihre Stimme vibriert angenehm.

Ihr verdankt sie auch den Einstieg ins Nachrichtengeschäft, nachdem sie der Werbebranche den Rücken gekehrt hatte. Eigentlich wollte sie studieren, dafür hätte sie nach Berlin ziehen müssen. Aber dann brachte es Linda Zervakis nicht übers Herz, ihre Mutter mit deren Kiosk allein zu lassen – in dem kleinen Laden halfen sie und ihre beiden Brüder aus, seit der Vater verstorben war. Deshalb absolvierte sie ein Volontariat bei einem Radiosender in Hamburg. Wegen ihrer sonoren Stimme wurde sie schnell als Nachrichtensprecherin eingesetzt.

2001 wechselte sie zum NDR. Arbeitete zunächst beim Hörfunk, später vor der Kamera. Für das „Schleswig-Holstein-Magazin“ war sie Reporterin, es folgte ein Zwischenstopp bei Eins Extra. 2009 wurde sie die Vertretung von Gabi Bauer und Ingo Zamperoni im „Nachtmagazin“, seit einem Jahr spricht sie in den Tagesausgaben der „Tagesschau“. Ihr Werdegang ist vielleicht ein bisschen bemerkenswerter als der von anderen Kollegen. Aufgewachsen ist Zervakis in Harburg, im Süden Hamburgs. Mit seiner hohen Ausländer- und Arbeitslosenquote ist Harburg der Gegenentwurf zum feinen Eppendorf. In der Fußgängerzone gibt es Ein-Euro-Läden und Menschen, die zum Frühstück ihren ersten Korn trinken.

Linda Zervakis lebt nicht mehr dort. „Da ging es weniger darum, meine Wurzeln zu leugnen“, sagt sie. Sie habe sich ein Umfeld gesucht, in dem sie sich wohl fühle. Sie ist nach Eimsbüttel gezogen, auf die andere Seite der Elbe. Eine bürgerliche Gegend. Der NDR hat hier seinen Sitz, auch die zentrale Nachrichtenredaktion der ARD. Die Nähe zum Arbeitgeber war beim „Tagesthemen“-Debüt von Vorteil. Bevor Zervakis auf Sendung ging, stand sie daheim auf dem Balkon und pflanzte Blumen. Um sich von der Aufregung abzulenken. „Natürlich ist das Studio das gleiche, man geht da immer wieder rein, egal zu welcher Uhrzeit. Aber die ,Tagesthemen’ gucken dann doch mehr Leute als das ,Nachtmagazin’.“

An ihren ersten Auftritt im „Nachtmagazin“ vor zwei Jahren kann sie sich gut erinnern. Griechenland stand wegen der Wirtschaftskrise in den Schlagzeilen, Linda Zervakis ließ sich nichts anmerken. „Es wäre fatal, wenn ich Emotionen zeigen würde“, sagt sie. „Mein Job ist es, jede Nachricht neutral rüberzubringen.“ Mitunter mag diese Art der neutralen Informationsvermittlung etwas trocken wirken. Ist das Sprecherprinzip die Zukunft des Nachrichtenjournalismus? Oder sind es die Moderatoren? Linda Zervakis überlegt kurz. Dann sagt sie: „Ich kann den Ansatz des Sprechersystems nachvollziehen – dem Zuschauer sollen die Nachrichten schnörkellos vermittelt werden, das hat in den vergangenen Jahrzehnten ja auch sehr gut funktioniert.“ Und im Gegensatz zu Informationen aus dem Netz sei der Nachrichtensprecher eine „Garantie für Glaubwürdigkeit und Seriosität“. Perspektivisch sei es eine große Herausforderung, auf die Bedürfnisse der jüngeren Generation einzugehen.

Aber so, wie die Jüngeren vielleicht immer noch irgendwas mit Medien machen wollen und dann beim Fernsehen landen, wollen sich die Jüngeren irgendwie über die Medien informieren. Und landen dabei beim Fernsehen. Bei der 20-Uhr-„Tagesschau“ könnten sie bald schon Linda Zervakis sehen, eine von ihnen.

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