TV-Kino : Alles auf Speed

Mit dem Schnellredner-Film „Shoppen“ startet die ambitionierte Reihe „Debüt im Ersten“

Simone Schellhammer

Diese Spielfilmreihe bietet jedes Jahr echte Fernseh-Sternstunden: neun bemerkenswerte Stücke, die abseits des Mainstreams eine eigene Sprache und einen eigenen Blick entwickeln. Etwas, was man vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen öfter erwarten könnte. Wenn Reinhold Beckmann am Montag um 22 Uhr 45 in Sommerpause ist, zeigt das „Debüt im Ersten“ frei von Quotendruck, wie wild, präzise, lustig und verstörend der deutsche Film sein kann.

Den Beginn macht das Kammerspiel „Shoppen“, in dem sage und schreibe 18 Hauptcharaktere auftreten, die zudem fast nur eines tun: sie reden. Es dreht sich um eine Speed-Dating-Veranstaltung, in der jeder genau fünf Minuten Zeit hat, den anderen kennenzulernen und sich selbst in einem guten Licht darzustellen. Ralf Westhoff, der für Buch, Regie und Produktion verantwortlich zeichnet, hatte einen genauen Plan für seinen ersten Spielfilm, von dem er – so die zuständige Redakteurin – nur minimal abwich. Bei den Hofer Filmtagen 2006 und auf der Berlinale 2007 wurde der Film mit seinen fein gedrechselten Texten hoch gelobt.

Westhoff ist dabei mit seinen 40 Jahren eher ein Senior-Debütant. Die meisten Regisseure aus dieser Reihe sind 1970er-Jahrgänge und haben gerade die Film- oder Kunsthochschule beendet. Wie etwa Jan Bonny, der den ebenso gewagten wie feinfühligen Film „Gegenüber“ gedreht hat, der am 13. Juli läuft. Matthias Brandt spielt darin einen gutmütigen Polizisten, der von seiner Frau (Victoria von Trautmannsdorff), die verzweifelt um Anerkennung kämpft, geschlagen wird. Beide Schauspieler wagen hier viel. Selten war die deutsche Mittelklasse so dunkel-verrutscht inszeniert wie hier.

Die Störfelder menschlicher Beziehungen und der ganz alltägliche Wahnsinn sind Themen, die sich wie ein roter Faden durchziehen. Am berührendsten sind dabei Geschichten, in denen die Protagonisten schlicht Grundschullehrerin oder wie in „Reine Geschmackssache“ Vertreter für Damenoberbekleidung sind. „Reine Geschmackssache“ ist die einzige stilreine Komödie unter den neun Debütstreifen. Wie bei vielen Filmen hoffnungsvoller Filmstudenten wirken auch hier erstklassige Schauspieler mit: Edgar Selge, Franziska Walser, Horst Krause, Irm Hermann und die preisgekrönte Neuentdeckung Florian Bartholomäi. Des Weiteren sind etwa Peter Lohmeyer, Ulrich Matthes, Dagmar Manzel, Matthias Schweighöfer und Corinna Harfouch zu sehen. Offenbar bieten diese Erstlingsfilme für viele etablierte Schauspieler die Möglichkeit, origineller und intensiver zu arbeiten als im herkömmlichen Filmgeschäft. Oft wird auf Gage ganz oder zum Teil verzichtet, dafür gibt es ein paar Drehtage mehr, interessante Drehbücher und viel Freiheit dazu.

Bei „Frei nach Plan“ zum Beispiel war der Film ganz auf die drei Hauptdarstellerinnen Dagmar Manzel, Corinna Harfouch und Kirsten Block zugeschnitten. Die Geschichte, in der drei Schwestern in der ostdeutschen Provinz die Geburtstagsfeier ihrer alternden Mutter vorbereiten, ist voller Sehnsucht, Komik, Wärme. Die Regisseurin Franziska Meletzky, Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Babelsberg, sagt zu Recht: „Wer sich vor Familienfeiern fürchtet, könnte diesen Film lieben.“

Einige der Filme wie „Shoppen“, „Blindflug“, „Fata Morgana“ oder „Vineta“ sind im Kino gelaufen. Was einerseits ein Ritterschlag für die Produktion ist, bedeutet zugleich aber auch, dass sie nur sehr wenige Zuschauer (vielleicht im Schnitt 50 000) gesehen haben. Toll, dass sie jetzt alle im Fernsehen zu sehen sind und dort wahrscheinlich ein Publikum von einer Million Menschen erreichen. Die Zahl entspricht auch ungefähr dem Budget, mit dem diese Produktionen arbeiten: zwischen 800 000 und einer Million Euro. Davon steuert die ARD 30 bis 40 Prozent bei. Seit langem engagieren sich die einzelnen Landesrundfunkanstalten – der SWR bereits seit 1985 – im Debütbereich. Und seit neun Jahren stellt die ARD aus fertigen Filmen diese Reihe zusammen, um den Erstlingswerken eine stärkere Aufmerksamkeit zu ermöglichen. Auch das ZDF widmet sich übrigens ab 16. August dem Nachwuchs und seiner ganz eigenen Handschrift in der Reihe „Gefühlsecht“: sechsmal am Sonntagabend, allerdings meist nach Mitternacht. Sommerzeit ist also durchaus eine Hochzeit für Fernsehcineasten und ihre Festplattenrecorder.

„Shoppen“, Montag, ARD, 22 Uhr 45

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