TV-KLASSENKAMPF : „Muppet Show“ Ost

DDR-Fernsehen vor 50 Jahren: Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzer Kanal“ startet

von
328867_0_196a49e0.jpg
Westfernsehen im Ostfernsehen, allerdings als Abrechnung mit dem Klassenfeind. Foto: dpa

Er hatte viele Namen: Karl-Eduard von Schni oder Karl-Ed oder Karl-Eduard Vonschn. Sie drückten vor allem eins aus – die Verweildauer des Zuschauers, der montags nach dem „Alten Film“ im DDR-Fernsehen nicht schnell genug umgeschaltet hatte. Aber es gab mindestens eine Ausnahme: meinen Vater.

Am 21. März 1960 erschien „Der Schwarze Kanal“ zum ersten Mal auf dem Bildschirm. Da war ein kahler schwarzer Wald voller Antennen, dann setzte sich ein besonders hässlicher Vogel (Bundesadler!) auf eine von ihnen, worauf ein Herr mit tiefernstem, höchst alarmierten Gesichtsausausdruck erschien und sprach: „Der Schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unrat und Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müsste, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte.“

Abwasserkanal, Fernsehkanal. Schiefe Metaphorik also schon beim allerersten Mal. Ein wirklich begnadeter Polemiker ist Karl-Eduard von Schnitzler nie geworden, wahrscheinlich hätte er die vollendete Form auch als bürgerlich-dekadent verachtet: Nur die Lüge muss sich aufputzen, die Wahrheit aber spricht für sich.

Und eben das wollte mein Vater nicht verpassen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, die „Aktuelle Kamera“ einzuschalten, jeden Montag gegen 21 Uhr 30 aber saß er mit einer Miene höchsten Vergnügens vor dem Fernseher. Realsatire! Und die durchaus vorhandenen Funken Wahrheit – zumal über die Adenauer-Bundesrepublik – begrub von Schnitzler sofort wieder mit den eigenen viel zu großen Worten. Niemand ist komischer als ein Fundamentalist. Das Plakat „Schnitzler in die Muppet Show!“ im Berliner Herbst ’89 sprach das nur am schönsten aus. Auch Karl-Eduard von Schnitzler ist schuld, dass die Ostler auf den Kapitalismus nicht im mindesten vorbereitet waren.

„Der Schwarze Kanal“ war die erste Sendung, die aus dem Programm genommen wurde, am 30. Oktober 1989, nach 1519 Folgen. Schnitzler hat das nie verstanden. „Wissen Sie, was die erste Maßnahme war, als sich die Wende ankündigte? Die allererste Maßnahme war das Verbot des ,Schwarzen Kanals’. Das war die gefährlichste Sendung!“, sagte Karl-Eduard von Schnitzler bei einem Gespräch für den Tagesspiegel kurz vor seinem Tod 2001. Vielleicht gab es keinen ironieferneren Menschen als ihn. Er hat auch nie verstanden, was seine Sendung, ganz unabhängig von ihm, schon bald nach ihrem Beginn unmöglich machte. Nach dem Mauerbau reagierte das Volk höchst unwillig auf alle Arten von „Entlarvung des Kapitalismus“, ob im Kabarett oder im Fernsehen. Man konnte das Volk einsperren, aber es wollte von seinem Gefängniswärter nicht noch die Freiheit erklärt bekommen. „Der Schwarze Kanal“ zeigte – sagen wir: höchst eigenwillig montierte – Ausschnitte des Westfernsehens, um sie dann zu kommentieren. Allein der Ausgangspunkt war grotesk: Der DDR-Bürger sollte kein Westfernsehen sehen, sich aber das Westfernsehen erläutern lassen?

Dass von Schnitzler das alles nie merkte, liegt daran, dass er für sich einen sehr privilegierten Zugang zur Wahrheit in Anspruch nahm. Das aber war nicht nur Selbstüberhebung, es beruhte auf der tief authentischen Erfahrung des jungen von Schnitzler, geboren 1918 in Berlin-Dahlem, unehelicher Ururenkel des 99-Tage-Kaisers Friedrich III., Sohn des Legationsrates Julius Eduard von Schnitzler. Der Junge wuchs mit den Hitler-Machern auf. Im Hause eines Cousins, des Freiherrn, Bankiers und SS-Sturmbannführers Kurt von Schröder trafen sich am 4. Januar 1933 Hitler und Papen.

So vorbildlich nach den Maßstäben der Zeit die Verwandtschaft des Dahlemer Legationsrates war, hatte er doch bald zwei höchst missratene, noch 1933 verhaftete Söhne. Dank des verwandtschaftlichen Einflusses kamen sie wieder frei; Karl-Eduard, noch keine 16 Jahre alt, fuhr zur Besserung zu einer Tante nach Leipzig, die ihn zur Abschreckung zum Reichstagsbrandprozess schickte. Falls noch irgendetwas zu seiner Ausbildung gefehlt haben sollte – nun nicht mehr.

Wie man wird, was man ist. Lebenslanger kalter Krieg eines Sohnes gegen die Welt der Väter. Und hatte sich denn die frühe Bundesrepublik von dieser Welt losgesagt? Von Schnitzlers Autobiografie ist soeben wieder im Verlag Neues Leben erschienen, und wenn man den großen Entlarver selbst schon nicht ernst nehmen konnte, so doch umso mehr seine frühen Erfahrungen. Vielleicht hat nur ein Mensch ihn je ganz verstanden: sein feindlicher Zwilling Gerhard Löwenthal vom „ZDF-Magazin“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben