TV-Krimi : Der gute Böse

Ulrich Tukur versetzt sich gern in zwielichtige Charaktere – wie im ZDF-Krimi "Die Frau aus dem Meer". Er sagt, er spiele Menschen: „Es gibt keinen Bösewicht. Gut und Böse durchdringen sich immer gegenseitig. Es ist nie schwarz-weiß, es ist alles grau.“

Johannes Gernert
Tukur
Der Schein trügt: Im ZDF-Film am Montag spielt Ulrich Tukur den umstrittenen Politikjournalisten Karl Kress, der später selbst in...Foto: ZDF

Manche sagen, Ulrich Tukur spiele häufig Bösewichte. Kinderschänder, Frauenmörder, Nazis, Stasi-Offiziere. Und an diesem Montag im ZDF im Film „Die Frau aus dem Meer“ einen aggressiven Berliner Talkshow-Moderator, der sich mit Zwangsprostituierten einlässt. Ulrich Tukur sagt, er spiele Menschen: „Es gibt keinen Bösewicht. Gut und Böse durchdringen sich immer gegenseitig. Es ist nie schwarz-weiß, es ist alles grau.“

Karl Kress, der Journalist aus dem ZDF-Film, wirkt zunächst vor allem glatt und arrogant, wenn er Politiker in seinem Studio attackiert. Recht schnell scheint festzustehen, dass er irgendwie in diesen Mord an einer Prostituierten verwickelt sein muss, die die Kommissarin am Strand von Husum findet – mit einem Zettel im Hals, auf dem die Handynummer von Kress steht. Aber es ist schließlich doch ein bisschen anders, als es anfangs wirkt. „Wir Menschen sind widersprüchlich“, sagt Tukur. Mindestens so widersprüchlich wie dieser Karl Kress. Und Tukur stellt die Widersprüche gerne dar: „Ich habe viele zwielichtige und komplizierte Charaktere gespielt.“

Er war der kalte Stasi-Funktionär neben Ulrich Mühe in dem Oscar-prämierten Film „Das Leben der Anderen“, aber auch der unangenehm laute Lebemann Klaus in der Verfilmung von Martin Walsers „Fliehendem Pferd“. Er spielte den SPD-Politiker Herbert Wehner, dann dessen Genossen Helmut Schmidt oder den evangelischen Pfarrer Dietrich Bonhoeffer. Und er hatte eine Rolle in Steven Soderberghs „Solaris“. Er sah dabei meist aus wie Ulrich Tukur – in den vergangenen Jahren immer mit einem feinen blonden Bart über der Lippe. Die Haare auf der Stirn etwas licht. Ein optischer Reihenhauspapa. Arbeitsplatz Sparkassenschalter. Aber er hat es geschafft, dass auf der Leinwand oder den Fernsehschirmen seine Figuren erschienen sind, nur diese Figuren. Tukur gehört nicht zu denen, die auch ein wenig sich selbst spielen. Er wird zu seinen Charakteren, auch wenn er sich dafür äußerlich kaum verändert. Dafür loben ihn die Kritiker. Es gibt keinen bedeutenden deutschen Preis für Kino oder Fernsehen, den Tukur noch nicht gewonnen hätte.

An diesem Nachmittag sieht er müde aus. Er ist erst um sieben Uhr morgens ins Bett gekommen. Am Vorabend hat er mit seiner Band, den „Rhythmus Boys“, in Berlin die Premiere ihres neuen Zirkusprogramms gefeiert. Lieder aus den Goldenen Zwanzigern. Sein schwarzer Anzug, die spitzen Schuhe und der beige Hut mit dem leichten Lila-Stich passen zu dem Auftritt. Tukur sitzt am Bierfass-Tisch eines Cafés, hat schon die zweite Runde Wasser und Espresso bestellt, und sagt, dass er einen Cocktail kennt, der die Folgen des Feierns erträglicher mache. Weißer Portwein, Tonic-Water und eine Limette. Er, Jahrgang 1957, müsste eigentlich besser auf sich aufpassen. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat er eine Tour mit seiner Band abgesagt. Sein Körper konnte nicht mehr. Jetzt trinkt er diesen Spezial-Cocktail. Sein einziges Zugeständnis. Er lebe halt zu gerne, sagt Tukur.

Nur einer hätte vor einigen Wochen die Tour von Tukurs „Rhythmus Boys“ vielleicht noch aufhalten können. Der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino hatte Tukur zum Casting für seinen Film „Inglorious Bastards“ geladen, den er derzeit mit Brad Pitt und Til Schweiger in Babelsberg dreht. „Das ganze Drehbuch war ein orthographischer Dschungel. Göring wurde einmal mit e, mit o, dann wieder mit ö geschrieben“, erzählt Tukur. „Man merkte, dass er das in einem wahnsinnigen Anfall heruntergedroschen hat und das hat mir unheimlich gefallen.“ Sie haben sich über den deutschen Film unterhalten, den Tukur nicht nur in Hollywood, sondern auch in französischen Projekten vertritt. Der deutsche Film wird immer besser, darin waren sie sich einig, was für Tukur auch daran liegt, dass mittlerweile die NS-Zeit nicht mehr so schwer auf dem Schaffen von Schauspielern und Regisseuren lastet. Tarantino hat dann allerdings einen anderen als Nazi besetzt und Tukur war nicht allzu unglücklich: Er musste die Tour nicht absagen. Das hätte seinen Ruf in der Musikszene nachhaltig ruiniert, glaubt er.

Die Musik ist ihm neben dem Spielen und Schreiben die liebste Beschäftigung. Er mag vor allem die wilden Partys der Zwanziger, die kurz vor dem wirtschaftlichen Untergang gefeiert wurden. Neulich war er in Hamburg, wo er jahrelang am Theater gespielt hat und selbst Intendant der Hamburger Kammerspiele gewesen ist, und hat eine Rezessionsparty gefeiert. Dampferfahrt, Musik aus der Zeit der großen Depression, eine Nackttänzerin.

Theater spielt Tukur nach fast 25 Jahren im Augenblick nicht. Ihm fehle die Zeit. Und nachdem die Zusammenarbeit mit dem großen Regisseur Peter Zadek endete, habe er sich davon ein wenig entfernt. Außerdem müssen die US-Colleges für die beiden Töchter aus erster Ehe bezahlt werden. Vielleicht ist er auch räumlich zu weit weg von den deutschen Bühnen. Tukur lebt mit seiner zweiten Frau in Venedig. Vor allem ist da aber gerade die Tour und er will ein zweites Buch schreiben, in dem er auch seinen mehrmonatiger Aufenthalt in China verarbeiten möchte. Er hat in Schanghai die Geschichte des deutschen Kaufmanns John Rabe gedreht, der dort als Retter von Hunderttausenden Chinesen verehrt wird. Kein Bösewicht. Selbst wenn es die gäbe.

Andreas Baader dagegen, den RAF-Terroristen, mit dem Tukurs Karriere im Grunde so richtig anfing, gilt ohne Zweifel als Bösewicht. Auch wenn dies Mitte der Achtziger, als Tukur in „Stammheim“ Baader spielte, noch viele anders gesehen haben. Ein „anstrengender, aufdringlicher, schwieriger, kaum zu ertragender Mensch“ sei Baader gewesen. So haben es Tukur zumindest Schauspielerkollegen erzählt, die ihn in München erlebt hatten, als der spätere Terrorist noch Filmemacher werden wollte. Damals wurde Tukur von Hamburger Autonomen bedroht, weil er sich etwas unbedacht öffentlich geäußert hatte. „Die wollten meine Wohnung zu Klump hauen und mich mindestens verdreschen.“ Bei der Premiere flogen Feuerwerkskörper in die Menge. Die aktuelle Verfilmung des „Baader-Meinhof-Komplexes“ hat Tukur sich noch nicht angesehen. Er will es bald tun. Es gibt wenige bekannte deutsche Schauspieler, die in dem Film nicht auftreten. Tukur hätte Ulrike Meinhofs Mann, den Verleger Klaus Röhl, geben können. Er hat abgelehnt. Die Sache sei mit „Stammheim“ für ihn erledigt gewesen, sagt er. Vielleicht war ihm Röhl auch nicht kompliziert genug.

„Die Frau aus dem Meer“, 20 Uhr 15, ZDF

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben